Einem derart netten Papst bin ich nie begegnet. Aber das hat nichts zu sagen, weil ich sowieso noch bei keinem Papst war. Loredana hingegen, neun Jahre alt, hat ihn getroffen, einen ganzen Nachmittag bei ihm verbracht und Pistazieneis gekriegt. Nein, es war keine Audienz. Es begann mit einem Schulausflug in den Petersdom, mit einem Versteckspiel unter den Kolonnaden. Dann stand sie plötzlich und versehentlich im Zimmer des Papstes, und eher war es ein Zufall, ein Unglück, am Ende aber ein Glück.

Denn der Papst, ein eben an seinem Tisch eingeschlafener, sehr, sehr alter Mann, der gelernt hatte, Entsagung als Erfüllung zu begreifen, und der wusste, das es mehr bedeutet, etwas zu verstehen, als etwas zu verändern, fasste Zutrauen zu dem Mädchen und dieses zu ihm, und er fand in ihm eine Zuhörerin, der er die Geschichte seines Lebens erzählen konnte. Und obwohl das Kind nicht alles verstand, so verstand es doch genug, um etwas von der kindlichen Weisheit des Alten mit nach Hause zu nehmen, dort den verhassten Stiefvater endlich akzeptieren und mit den Intrigen der Klassenkameraden besser umgehen zu können. Kurz darauf starb der Papst. Man sagte, sein Pontifikat sei eher unbedeutend gewesen. Aber die kleine Loredana wusste es besser.

Ist das kitschig? Aber doch nur, wenn man moderne Märchen dafür hält. Und dieses hat genügend an scharf beobachteten und die Gegenwart erhellenden Details, um mehr als bloß fantastisch zu sein, und mehr an Poesie, um bloß realistisch zu sein. Robert Schneider, der für seinen ersten Roman Schlafes Bruder (1992) gepriesen und für den zweiten Die Luftgängerin (1998) geprügelt wurde, hat sich und seinen Lesern mit dieser schönen kleinen Novelle eine Pause gegönnt, und siehe da: Er und wir profitieren davon. Und verdanken das auch den listig-anmutigen Illustrationen von Helga Genser.

Robert Schneider:Der Papst und das Mädchen

Reclam, Leipzig 2001; 141 S., 24,80 DM (ab 10 Jahren)