Auch wenn Peter Härtling mit seiner Äußerung eher die Gemeinsamkeit denn die Unterschiede betonen wollte, konnte er das Nischendasein der Kinder- und Jugendliteratur damit nicht aufbrechen. Ob in der Wahrnehmung oder der Beurteilung, sein Vergleich implizierte eine unübersehbare qualitative Unterscheidung. Sosehr sich Kinder- und Jugendbuchautoren wie auch die Literaturwissenschaft seitdem ins Zeug legen und darauf beharren, Kinder und Jugendliche - auch in ihrer Rolle als anspruchsvolle Leser - ernst zu nehmen, führte das keineswegs zu einer Anerkennung der Kinder- und Jugendliteratur als souveränem Teil der Gesamtliteratur, oder seiner Autoren als ernst zu nehmenden Mitgliedern der schreibenden Zunft. Ottfried Preußler ist und bleibt das kleine Gespenst und Max Kruse das Urmel aus dem Eis. Oder erinnert sich irgendjemand an deren keineswegs schlechte Romane für Erwachsene?

Wer sich zum Kinderbuchautorsein bekennt, produziert gesellschaftlich Nützliches, wie der ehrenamtliche Helfer bei der Obdachlosenhilfe oder Seniorenbetreuung. Da zählen allein das Engagement, der Einsatz, der Effekt. Für verantwortungs- und anspruchsvolle Tätigkeiten gibt es daneben die Hauptamtlichen, die wahren Dichter und Denker. Wer ständig im Kammerorchester spielt, kommt eben nicht in die großen Konzerthallen.

Kinder sind die idealen Opfer

"Wie ein Jugendbuch": Das gilt für manche Literaturkritiker als Metapher für Halbseidenes, für Trivialliteratur und als völlig misslungen. Als Jochen Jung sich in der ZEIT in einem Verriss zu Hellmuth Karaseks zweitem Roman Betrug äußerte, da schoss er mit dem Satz "Zahllos sind die unfreiwilligen Pannen, die uns da in Kapiteln mit der Dramaturgie von Jugendbüchern geboten werden ..." glatt ein Eigentor. Der Leser ahnt, was er meint, und ist verstimmt, geht es doch nachfolgend allein um sprachliche Pannen, die auf ein Niveau mit einer angeblichen Jugendbuchdramaturgie gestellt werden. Simpel gestrickte Reiserouten, mit der Pannenhäufigkeit osteuropäischer Automobile, meint das ein typisches Jugendbuch?

Analog: Wer der in ihrer begrifflichen Schwammigkeit längst überholten "Popliteratur" eins auswischen möchte, der behauptet geradewegs, dies sei die neue Jugendliteratur à la Lebert. Einfach im Anspruch, "rasant erzählt", "mit Schnitten wie in Videoclips", "voller Bezüge zur Popularkultur", das waren die Standardbeschreibungen für jeden Titel. Wer als Autor heute mit unter 30 debütiert, sieht sich also zweifach eingeengt, zwischen der Schublade Pop- und dem Schimpfwort Jugendliteratur! Man darf mit Recht behaupten, bei einer Blindverkostung würden Jugendbücher nicht schlechter abschneiden als manch hoch gelobter junger deutscher Autor.

Hochmut und Unkenntnis ergänzen einander. Als Zeruya Shalevs Liebesleben im Literarischen Quartett besprochen wurde, war Marcel Reich-Ranicki hochgradig angetan ob der überragenden Übertragung aus dem Hebräischen und voller Lob für diese Übersetzerin, von der er bislang noch nie gehört hatte. Schade. Ihr Name: Mirjam Pressler. Eine der renommiertesten Übersetzerinnen aus dem Hebräischen und selbst seit langem Autorin - allerdings in der Kinder- und Jugendliteratur. Mit ihrem neuesten Buch Malka Mai ist sie übrigens für den Deutschen Bücherpreis auf der Leipziger Buchmesse 2002 nominiert.

Die Mischung aus tief liegenden Qualitätserwartungen und öffentlicher Ignoranz öffnet seit Jahren Tür und Tor für Prominente, die sich urplötzlich zum Erzählen für Kinder berufen fühlen. Kinder sind die idealen Opfer, sie hören erwartungsvoll zu, weil sie die Erzählsituation lieben, die damit verbundene Nähe. Was da erzählt wird, bleibt in vielen Fällen zweitrangig. Grund genug für viele Verlage, sich nun lieber mit klingenden Namen zu schmücken denn mit guten Geschichten. Dabei liegt die Hemmschwelle noch weit unterhalb der Geschmacksgrenze. Erwartet wird kein Konzert, höchstens musikalische Früherziehung.