Erinnerungen an die Kindheit rufen in diesem Buch merkwürdige Bilder hervor: Die schmalen Dachluken der alten Häuser wirken wie verschlafene Augen, und hinter den bärtigen Weihnachtsmannmasken blitzen die Gesichter der Dorfburschen wie Schnappschüsse auf. Erwin Strittmatters Geschichte aus den eigenen Kindheitstagen lebt von diesen Merkwürdigkeiten; sie ist in jenen Zwischenräumen angesiedelt, die sich aus der Fantasiewelt des Kindes und der zunehmend realistischen Sicht des Heranwachsenden bilden.

Wir folgen dem Autor zurück in die Tage der Kindheit, sind wieder bereit - wie er -, an die Existenz des Weihnachtsmannes und des Christkindes zu glauben, hegen mit ihm aber leise, wachsende Zweifel an den Verstellungs- und Verkleidungskünsten der Erwachsenen. Klaus Ensikat, Meister der kritisch-karikierenden Zeichnung, erfindet dafür ambivalente, brüchige Bilder: Mal lässt er das Christkind, ganz aus der Perspektive kindlicher Imagination, als glamouröse Lichtgestalt auf violettem Grund erstrahlen, dann zeigt er auf der nächsten Seite, wie dieselbe Figur in grotesker Verkleidung und auf wackligen Stöckelschuhen von dannen wankt. "Habt ihr gesehn, wie 's Christkind aussah?", fragt die Mutter. "Ja", antwortet das Kind, "wie Bulkis Alma, wenn sie hinter einer Gardine hervorlugt."

Voll Zärtlichkeit, Nachsicht und verhaltener Ironie erinnert sich der berühmte Erzähler, 1912 in der Niederlausitz geboren und Sohn eines Bäckers, an die Weihnachtszeit seiner Kindheit; er erzählt vom letzten Versuch seiner Mutter, die Existenz des Weihnachtsmannes zu beweisen, indem sie ihn in ihrer Erklärungsnot kurzerhand dorthin verbannt, wo ihn die Kinder nicht aufspüren können: auf den Dachboden, den noch nie jemand betreten hat. Ensikats Zeichenkunst lässt Bilder vergangener Tage entstehen, die uns die Enge der Wohnstuben und die Kargheit des Lebens ohne Sentimentalität vor Augen führen - eine sozial-kritische Milieustudie, stets durchdrungen von den Bildern kindlicher Fantasie. Aber auch subtile Ironie ist bei Ensikat im Spiel. In dem Maße, in dem das Kind erahnt, dass der Weihnachtsmann nur eine Erfindung der Erwachsenen ist, wird auch der Mythos des Knechts Ruprecht entzaubert. Am Ende entdeckt der Junge, dass die Lebenszeichen des vermeintlichen Weihnachtsmannes auf dem Dachboden von der Katze stammen, die es sich dort oben in einer Lumpenkiste gut gehen lässt. Letzte Gewissheit bringt eine tote Maus, die der unsichtbare Weihnachtsmann verspeist. Das Kind bewahrt sein Geheimnis bis zum Frühjahr auf, und der Leser weiß, dass mit diesem Schweigen auch eine Kindheit zu Ende geht. Im letzten doppelseitigen Bild weitet der Illustrator den Raum, öffnet ihn gegen die Enge des Hauses, das nun wie eine Spielzeugschachtel erscheint.

Erwin Strittmatter/Klaus Ensikat:Der Weihnachtsmann in der Lumpenkiste

Aufbau-Verlag, Berlin 2001, 32 S., 24,90 DM (ab 5 Jahren)