Ein Surfausflug im Lexikon. Fangen wir beim Silberfischchen (Lepisma saccharina) an. Es krabbelt über die Mitte von Seite 121. Ein grau glänzender Körper, Fühler wie Fechtsäbel: So etwa haben vermutlich jene Ur-Insekten ausgesehen, aus denen sich in Millionen Jahren all das kreuchende, fleuchende, stechende, beißende Getier entwickelt hat, das heute - bloß im Meer begegnen wir ihm nicht - in jedem Winkel, jedem Loch, jeder Pfütze dieser Welt sein Unwesen treibt. Insekten, erfahren wir im Visuellen Lexikon der Umwelt, sind Pflanzenfresser, Blutsauger, sie schlemmen Aas oder Dung.

Der Phobiker, den schon ein paar haarige Beine schaudern lassen und der die abgebildeten Schönheiten Knotenameise und Schwalbenschwanz zu den Plagegeistern zählt, nimmt sich zum Wegblättern die Schädlingsbekämpfung vor. Dieses Stichwort prangt am unteren Seitenrand, versehen mit einem Hinweispfeil, dem der Insektenphobiker nun Richtung Seite 158 folgen kann. Uns aber interessiert das Stichwort Artenschutz. Wir folgen diesem Link und blättern zur Seite 376. Da fliegt uns als bedrohte Art die Hufeisennase entgegen. Der Link Industrialisierung bringt uns in die Badischen Anilin- und Sodafabriken (BASF). Darüber prangen ein Pfeil und das Stichwort Düngen. Weiter geht's, vor und zurück, Leselust spült einen durchs Buch. Nach Stunden, plötzlich, die vertrauten Beine der Honigbiene und die lustigen Säbelfühler des Silberfischs. Die Insekten haben uns wieder.

Man kann dieses Buch, empfiehlt der Autor Bernd Schuh im Vorwort, zum Surfen oder für einen Sonntagsausflug benützen. Der Ausflug geht so: Man wählt eines der über 200, thematisch geordneten und auf jeweils einer Dopppelseite vorgestellten Einzelthemen - Riff, Kernfusion, Klimamaschine oder Fahrrad. Man fährt hin, besichtigt all die bunten Bilder, versteht's und klappt das Lexikon wieder zu. Bis zum nächsten Wochenende. Oder man surft. Was ja eigentlich auch der altmodische Lexikonstöberer tut.

Man kann Stunden verbringen mit den Büchern der Reihe Gerstenbergs visuelle Enzyklopädie. Die Themen sind sehr weit gefasst. Umwelt besteht nicht nur aus krankem Wald, Greenpeace und Klimakollaps, sondern auch aus versteinerten Dinoeiern, der Wuppertaler Schwebebahn und Schwarzen Löchern. Die Üppigkeit kann einen aber auch kirre machen. Über 2500 Fotos und Grafiken wollten untergebracht sein - Doppelseiten mit einem Dutzend optische Reize aber garantieren kein ästhetisches Vergnügen.

Für den guten Rausch sorgt der Lernerfolg. Er stellt sich unmittelbar ein. Die Grafiken sind übersichtlich, die Texte knapp, aber präzis und unideologisch geschrieben. Da sieht man über ein paar kleine Ungenauigkeiten gern hinweg. Warum soll nicht ein Tornado durch die Gegend tanzen, wenn im Text neben dem Foto von Hurrikans die Rede ist? Einzig die schnöde Nichtbeachtung der Braunen Zwerge kann man nur schwer verzeihen. In der Bildfolge zu Geburt und Tod von Sternen dürfen Rote Riesen und Weiße Zwerge ihre Aufwartung machen - nicht aber Braune Zwerge. Diese glimmenden Kugeln, die es nicht geschafft haben, als Sonne zu erstrahlen: Ausgerechnet diese liebevollen, gescheiterten Existenzen, mussten draußen bleiben.

Bernd Schuh:Das visuelle Lexikon der Umwelt

Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2001; 446 S., 67,99 DM (ab 14 Jahren)