An trostlosen Tagen fliehen manche Menschen auf die Insel des Imaginären und rufen: Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt? Ein Kinderbuch hilft da oft doppelt: als Zufluchtsort und indem es Orte zum Hinwünschen erfindet. Der verlockendste von allen ist das Wunderland. Aber nicht Lewis Carrolls Wonderland und auch nicht das des berühmten Lyman Frank Baum, wo der Wizard of Oz die Smaragdenstadt regiert, sondern das Wunderland des jenseits der Elbe überaus beliebten Alexander Wolkow. Der russische Mathematikprofessor hatte in den Vierzigern eine freie Wiedergabe des Wizard of Oz unternommen. Dabei gelang ihm der Hase-und-Igel-Trick: Er erweckte den Eindruck, als Erster da gewesen zu sein. Statt brav hinter dem vier Millionen Mal verkauften Urtext aus dem Jahr 1900 her zu galoppieren, schrieb Wolkow ein Buch, das man nun verblüfft als das wahre Original erkennen musste.

Zwar folgt die Handlung getreulich der Vorlage. Doch Wolkows Zauberreich ist eine andere Wirklichkeit, genau ausbalanciert zwischen Vertrautem und Erstaunlichem. Dient das normale Leben bei Baum als Krücke, an der er von Wunder zu Wunder humpelt, besitzt das Leben bei Wolkow seinen eigenen Zauber. Im Wizard of Oz trug ein Wirbelsturm, ausgelöst von der Hexe des Ostens, Dorothy ins Wunderland. Im Zauberer der Smaragdenstadt sehen wir die Hexe Gingema, wie sie den Sturm heraufbeschwört, "Burido, furido!"

Weil sein Märchen jenes "unheimliche Eigenleben" entwickelt, vor dem sich schon Brentano fürchtete, gelingt dem Professor mit seiner Adaption und erst recht mit fünf Fortsetzungsbänden, wodurch einst ein sozialistischer Staatschef so gern den Kapitalismus besiegt hätte: überholen, ohne einzuholen. "Fast jede große Nation", hieß es im Vorwort der Prachtausgabe zum 100. Jubiläum des Wizard, "hat seine unsterbliche Schöpfung juveniler Fantasie. In England sind es Lewis Carrolls Alice-Bücher. Deutschland hat Grimms Märchen, Frankreich hat Perrault, Dänemark seinen Andersen. Italiens Klassiker ist Pinocchio", und den amerikanischen erraten wir. Aber sollte ein Russe amerikanischer dichten als der Amerikaner? Oder ist Amerika russischer als bis dato gedacht? Der Zauberer der Smaragdenstadt ist ein klarer Fall von Weltliteratur, nach den Kriterien Goethes: "Der Dichter wird als Mensch und Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz gebunden ist."

Wie sieht dieses kosmopolitische Arkadien aus? Elli findet es zuerst ungewöhnlich schön. Ewiger Sommer und "Menschlein, wie man sie sich drolliger kaum vorstellen kann". Aber auch Säbelzahntiger, Menschenfresser. Das durch Berge und Wüste vom Rest der Welt abgetrennte Land ist eine Insel, die sowohl paradiesische als auch düstere Züge trägt. Ambivalenter Bezirk: Exil und Zuflucht, Verbannungsort und Insula amoena.

Die sechs Bücher fügen sich zum Geschichtenteppich aus wechselnden und wiederkehrenden Ornamenten und entfalten den Schöpfungsmythos dieses überschaubaren, aber keineswegs engen Reiches, wo es ein blaues, grünes, gelbes und rosa Land gibt, das Volk der Springer, den Palast der Füchse, die unterirdischen Erzgräber. Anfangs wandert Elli auf dem Gelben Backsteinweg in die Smaragdenstadt, um Goodwin den Großen und Schrecklichen zu bitten, ihr zur Heimkehr zu verhelfen. Unversehens hilft sie selbst drei Geschöpfen: dem weisen Scheuch, dem eisernen Holzfäller und dem feigen Löwen. Am Ende rettet Hilfsbereitschaft immer aufs Neue das Zauberland. Wolkows Insel ist ein Gegenbild zu Thomas Morus: Wo dessen Utopia keine Wandlung, keine Konflikte, kein Draußen kennt, lebt das Wunderland durch seine Gefährdungen, die fortwährend Anlass geben, Humanität unter Beweis zu stellen, Mut und Liebe und Witz. Das alles ist aber nicht fromm, sondern romantisch gedacht.

Wolkow wählt eine kindliche, leicht altertümelnde Stilebene, eine ernsthafte Ebene der Auseinandersetzung und eine bezaubernde Verkleidung. Die prächtigen, feinsinnigen Illustrationen Leonid Wladimirskis sind ganz auf die Gemütslage des Textes gestimmt, entwickeln jedoch ihren eigenen Schwung. Was erst konventionell wirkt, verrät Gespür für Pointe, Verknappung, Ausschmückung.

Die ganze Stimmigkeit des Entwurfs wird allerdings im Vergleich mit jenen Folgebänden deutlich, die nicht mehr von Wolkow und Wladimirski stammen. Ihnen fehlt der Impuls, der ein Buch erst zum Kunstwerk macht, zum gelobten Land, das man nur verlässt, um zurückzukehren. "Good-bye yellow brick road", singt Elton John, "you can't plant me in your penthouse / I'm going back to the howly old owl in the woods."