Wann wird aus einem Musical ein erfolgreiches Musical? Wenn die Busunternehmer daran glauben. Wenn der Standort stimmt. Wenn im Einzugsgebiet nicht nur viele Kegelbrüder und Turnschwestern wohnen, sondern auch die mit dem Herz für die große Terz. Wenn im Foyer die richtigen Bilder hängen. Wenn die Miete für das Theater kein Fantasiepreis ist. Wenn in der Pause zügig bedient wird. Wenn die Klos groß genug sind. Wenn das Ensemble unfallfrei Deutsch spricht. Wenn der Vertrieb stimmt. Wenn die richtigen Fanartikel verkauft werden. Wenn der Lizenzgeber nicht selbst zu viel Reibach machen will. Wenn der Titel des Stücks unmissverständlich ist. Wenn die Witze funktionieren. Wenn wenigstens ein Ohrwurm von der Bühne kriecht. Wenn die Zuschauer binnen zehn Sekunden nach dem letzten Vorhang aufspringen für Standing Ovations. Wenn, wenn, wenn.

Der Erfolg eines Musicals ist abhängig von tausenderlei Faktoren, harten und weichen, und weil selbst die größten Mathematiker des Showgeschäfts mitunter nicht sagen können, welche nun wirklich entscheidend sind, ist Musicalmachen ein riskantes Geschäft. Die Liste der Flops, vom unlängst in Bremen gescheiterten Dr. Jekyll und Mr. Hyde über Tabaluga und Lili in Oberhausen bis zu Les Misérables in Duisburg ist lang, Erfolg selten. In Deutschlands Musical-Haupstadt Hamburg, wo der ganze Boom 1986 mit Cats begann, will die Branche in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten den Beweis antreten, dass all das Krisengerede Quatsch ist. Dass man die komplizierte Formel noch im Griff hat, auch wenn sich ein paar Faktoren geändert haben.

Wichtigste Größe in dieser Beweisführung ist der König der Löwen. Die Musical-Version des Disney-Films mit der Musik von Elton John (und anderen) hat am kommenden Sonntag ihre generalstabsmäßig vorbereitete Deutschland-Premiere, zugleich betritt damit ein neuer Großunternehmer der leichten Muse endgültig die deutsche Bühne: die Stage Holding des Holländers Joop van den Ende. Nachdem er, zusammen mit John de Mol, im Fernsehen viel Geld verdient und seine Gesundheit ruiniert hatte, verkaufte er seine Endemol-Anteile und beschränkt sich seither auf Live-Unterhaltung. In den nächsten vier Jahren will die deutsche Tochter der Stage Holding hierzulande rund 350 Millionen Mark investieren. Wie viel davon der König verschlingt, will Maik Klokow, der deutsche Geschäftsführer, nicht verraten. Seine Firma hat das Zelt im Hafen, in dem bis zum vergangenen Sommer Buddy Holly die Beine bog, gekauft und aufwändig umgebaut: ein Restaurant auf Stelzen davorgesetzt, einen Bühnenturm angestückt und eine gewaltige Maschinerie eingezogen. Rechnet sich das?

Warzenschwein mit Akzent

"Es gibt für keine Produktion auf der Welt eine Garantie", sagt Klokow, der mal als Beleuchter am Theater Parchim anfing. Aber nach zwei Jahren mit einer Auslastung des 1876-Plätze-Zeltes von 80 Prozent will er die Produktionskosten eingespielt haben. Er schätzt, dass zehn Prozent der Bevölkerung seinen Löwen röhren hören wollen, acht Millionen Menschen - "das einzige Stück weltweit, das dieses Potenzial hat". Damit könnte er das Zelt über zehn Jahre voll machen, dennoch plant er nur für vier. Warum? Die Zeit der Langläufer sei vorbei, kein großer Musical-Betreiber kalkuliere noch wie früher mit einem Jahrzehnt Laufzeit. Weil das Publikum nicht den Eindruck haben will, Antiquitäten zu besichtigen. Aber auch, weil immer mehr Bühnen die Zauberformel Musical ge- und missbrauchen, den Markt mit schlechten Stücken verstopfen und das gesamte Genre in Verruf bringen. Die Insolvenz des Marktführers Stella vor fünf Jahren hat zumindest die großen Betreiber ein bisschen vorsichtiger werden lassen, die Apparate sind kleiner geworden (bei der "neuen" Stella arbeiten noch 1500 von einst 4000 Angestellten), und statt spektakulärer Neubauten begnügt man sich auch schon mal mit einem gemieteten Haus und kooperiert, wenn nötig, sogar mit dem größten Konkurrenten.

Auch dafür liefert Hamburg das Muster: Ursprünglich wollte die Stage Holding zusätzlich zum Löwen-Zelt ein neues Theater bauen. Doch selbst bei geschätzten Kosten von 50 bis 80 Millionen Mark wäre der ideale Standort, die Reeperbahn, nicht zu haben gewesen. Dort versucht die Stella seit dem Ende von Cats, das so genannte Operettenhaus mit rasch wechselnden Produktionen zu bespielen, was auch unter dem Titel "Premierentheater" nicht gut funktioniert - nicht zuletzt deshalb, weil Busunternehmer ungern kurzfristig planen (so viel zum Einfluss des Transportgewerbes auf den Kulturbetrieb). Nun hat man sich zusammengetan: Ab nächsten Sommer wird die Stage Holding eines ihrer wertvollen Stücke - Titanic vielleicht oder eine Aida von Elton John - im Haus der Stella zeigen. Wobei beide Partner nicht müde werden, die Notgeburt als ideale Lösung zu feiern.

In jedem Fall werden die Branchen-Insider den König der Löwen beobachten wie die Analysten einen Dotcom-Börsengang. Erster Eindruck des Kleinanlegers nach der Preview: Die Busunternehmer werden den Kurs nach oben treiben; sie sind wild entschlossen, das Stück zu lieben. Die Kunst im Foyer ist angenehm erdig-afrikanisch. Das Restaurant bietet den besten Blick der ganzen Stadt. Der Einbahnstraßenverkehr auf dem Klo funktioniert. Die Plüschtiere im Fanartikelshop kosten sozialverträgliche 25 Mark. Gespart wurde nirgends. Kostüme, Bühnenbild und Ausstattung des Weihnachtsmärchens zwischen Hamlet und Dschungelbuch sind spektakulär. Die Sängerin Velephi Patricia Mnisi hat die Wucht einer Muttergottheit. Man erlebt die Geburt des Ethnicals aus dem Geist der Weltmusik und fragt sich nur leicht beklommen, ob es nicht was Kolonialistisches hat, wenn Disney im Hafen fröhlich singende Neger vorführt. Der Pomp von Elton John und der Afro-Sound von Lebo M prallen aufeinander, aber ein paar Ohrwürmer überleben unzerquetscht. Das rülpsende Warzenschwein Pumbaa hat einen holländischen Akzent, doch die Verständlichkeit der deutschen Texte ist perfekt. Leider. Alles ist groß, die Perfektion, mitunter die Peinlichkeit, wahrscheinlich der Erfolg - wenn die Musicalformel noch funktioniert. Von den Plätzen gerissen hat es die jubelnden Zuschauer nach drei Sekunden.