Der Streit zwischen Anhängern einzelner Betriebssysteme war schon immer religiös geprägt. Teilte der italienische Semiotiker Umberto Eco vor Jahren die Welt der Computeranwender noch in das Lager der protestantischen, mit Befehlszeilen hantierenden DOS-Puristen und das der katholischen, auf bunte Icons schwörenden Apple-Fetischisten, so verläuft die entscheidende Frontlinie heute zwischen Windows und Linux. Auf der einen Seite steht die proprietäre Philosophie des Konzerns von Bill Gates, der mit seinen Betriebssystemen über 90 Prozent der Schreibtische beherrscht. Herausgefordert wird das Imperium von einem inhomogenen Lager von "Feierabend"-Programmierern und Weltverbesserern, die sich um Tux, das Pinguin-Maskottchen des frei verfügbaren Linux-Systems, scharen.

Die von Evangelisten beider Seiten seit zehn Jahren fanatisch geführte Schlacht um das einzig wahre Betriebssystem hat nun den Bundestag erreicht. Bislang ist dort auf den rund 5000 Bürorechnern Windows NT 4 installiert, das von Microsoft allerdings nur noch begrenzt unterstützt wird. Die für Informations- und Kommunikationstechniken zuständige Kommission des Ältestenrats sucht daher seit einem Dreivierteljahr nach Alternativen. Dabei hat sie neben aktuellen Windows-Versionen auch Open-Source-Software wie Linux ins Visier genommen, die im offenen Quellcode zur Verfügung steht. An der aktuellen Ausschreibung für den Systemwechsel hat sich deshalb neben Microsoft auch eine Allianz von Firmen um den Nürnberger Linux-Distributor Suse und den Hard- und Softwaregiganten IBM beteiligt. "Big Blue" ist neuerdings der größte Verfechter von Linux-Lösungen in der Unternehmenswelt und hat allein in diesem Jahr eine Milliarde Dollar in die Entwicklung entsprechender Software gesteckt.

Ein grundsätzlicher Systemwechsel hat Befürworter in allen Fraktionen. Anfang November hat der Bundestag einen Antrag zur Zukunft der Wirtschaft in der Informationsgesellschaft verabschiedet, in dem die Bundesregierung zum stärkeren Einsatz von Open-Source-Software aufgefordert wird. "Sie eröffnet die Möglichkeit, stabilere und besser angepasste Produkte zu erhalten", heißt es in dem aus rot-grünen Kreisen stammenden Papier, und außerdem könne sie die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Softwareindustrie stärken. Und besonders in Fragen der Sicherheit werde Linux aufgrund des einsehbaren Quellcodes immer bedeutender.

Als einer der stärksten Verfechter der Open-Source-Lösung hat sich Jörg Tauss, Beauftragter für Neue Medien der SPD-Fraktion, einen Namen gemacht. Bereits im September wollte der forschungspolitische Sprecher den Bundestag zur "Microsoft-freien Zone" erklären. Die "Kriegsrhetorik" sei zwar nicht so gemeint gewesen, hieß es kurz darauf aus seinem Büro. An der Sache halte man aber fest. Es sei "Besorgnis erregend, dass sich 80 Prozent der Viren über Software von Microsoft verbreiten", stärkte auch Monika Griefahn, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien, Tauss und dem Pinguin den Rücken. Und auch aus der CDU kommt vorsichtige Zustimmung. "Es spricht vieles für Linux", sagt Martina Krogmann, Internet-Beauftragte der Partei.

Der SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber findet es dagegen wenig sachlich, wenn Microsoft "wie ein terroristisches Netzwerk" behandelt werde. Entscheidend dürften nicht "Emotionen" sein, sondern "ausschließlich funktionelle Anforderungen und Sicherheitsaspekte".

Seitdem ist nicht nur in Online-Foren ein heftiger Schlagabtausch entbrannt. Bei Linux habe es bislang nur deswegen so wenig Sicherheitsprobleme gegeben, behaupten die einen, weil das System von Privatnutzern kaum verwendet wird. Linux werde ständig von Tausenden von Entwicklern auf Fehlerquellen hin überprüft und sei transparenter, kontern die anderen. Zahlreiche Parlamentarier werden mit E-Mails von Surfern überschwemmt, die bei der prestigeträchtigen Entscheidung mitreden wollen. "Die ganze Debatte ist ideologisch unglaublich aufgeladen", sagt Hubertus Heil, Wirtschaftsexperte der SPD. Dabei gehe es wirklich nicht um eine Frage von Krieg und Frieden.

Linux könnte 500 Millionen Euro sparen