Die Mann-Familie ist eine Heimsuchung", sagte einer, der sich auskennt - "und nicht immer eine geniale." Sie war, um es pathetisch zu sagen, in mancher Hinsicht die deutsche Schicksalsfamilie des 20. Jahrhunderts und ohne Zweifel die prominenteste Sippe, die im Bühnenlicht der Zeitgeschichte agierte. Klaus Mann, eines der unglücklichsten Geschöpfe des Clans, sah voraus, dass man Bücher über die Familie - "nicht über einzelne von uns" - schreiben würde. Das eine schloss das andere nicht aus. Das Geschick jedes ihrer Mitglieder durchbrach auf die eine oder andere Weise die Grenzen der Normalität europäischer Biografien (falls es die gibt). Fast jede bietet, wie sich erwies, genug Stoff für ein Buch, für ein Drama, für einen Film (ob Dokument oder Fiktion). Sie allesamt zu einer Saga fürs Fernsehen zu verflechten fordert die Bändigung chaotischer Fülle. Sie droht den Rahmen auch der üppigsten Sendezeit zu sprengen: ganz gewiss den der dreimal 90 Minuten, über die Heinrich Breloer verfügen konnte - für die Regenten der Television ein luxuriöser Aufwand, den sie uns nicht zu oft gönnen, von den horrenden Produktionskosten nicht zu reden.

Es war, mit anderen Worten, eine herkulische Arbeit, die der Virtuose des so genannten Dokudramas mit den Manns zu meistern versuchte, auch wenn er und sein Partner Horst Königstein die Handlung auf die drei letzten Lebensjahrzehnte von Thomas, dem geistigen Oberhaupt der Familie, zu konzentrieren versuchten (mit gelegentlichen Rückblenden). Mutter Julia und ihre fünf Kinder, Heinrich und seine zwei Frauen, Thomas, Katia und ihre sechs Sprösslinge, zwei Schwiegersöhne, Freundinnen, Freunde, Kollegen: Zehn Hauptdarsteller nennt die Besetzungsliste und achtzehn Nebenrollen, die mehr verlangen als gehobene Statisterie. Sie stehen für Persönlichkeiten von Rang und Gewicht, auch wenn sie nur für eine Minute oder für zwei sichtbar und hörbar sind - wie Joseph Roth oder René Schickele, der große elsässische Dichter und Romancier, den keine Seele mehr kennt.

Das schrecklich schreiende Kind

Aber auch von dem genialen österreichischen Erzähler Roth erfahren wir nicht viel mehr als den Namen und den melancholischen Hinweis, dass er im Begriff war, sich zu Tode zu saufen. Die Masse des Stoffes zwang den Regisseur zu Verkürzungen, die sein gutwilliges Publikum verwirrt am Wegrand zurücklässt, während der Film längst zur nächsten Etappe weitergehüpft ist. Des großen Thomas arme Tochter Monika zum Beispiel, ohnedies nur als ein grauer Schatten im Gedächtnis der Mann-Gemeinde präsent, überlebte im Zweiten Weltkrieg mit knapper Not den bösesten Albtraum: Das britische Schiff City of Benares, mit dem sie und ihr ungarischer Mann Jenö Lányi im Herbst 1940 von London nach Kanada übersetzen wollten, wurde von einem deutschen Unterseeboot torpediert. Der brennende Dampfer versank in der Nacht, die Mehrzahl der Passagiere und der Besatzung ertrank, darunter Jenö Lanyi; Monika trieb 20 Stunden, an ein Stück Holz geklammert, im Ozean, bis sie von einem Kriegsschiff aufgefischt wurde. Wir aber sehen ein Genrebild der großdeutschen Wochenschau: seemannsbärtiger U-Boot-Kapitän am Periskop, schwarzes Schiff, das sich aufbäumt und versinkt - fünfzehn, zwanzig Sekunden. Spielszene: schreiende Monika im kalifornischen Haus der Eltern, aufgeschreckt von den Furien der Angst: dreißig Sekunden. Kein Wort, dass die verstörte Frau, deren Gegenwart dem Vater rasch unerträglich wurde, sich in ein nahe gelegenes Apartment zurückzog und schließlich nach New York davonmachte.

Wer dem Appell in der beherzten Laudatio des WDR-Intendanten Fritz Pleitgen folgen will, mit Breloer "Geschichte in Menschen aufzuspüren und nachzuempfinden", ist gut beraten, sich auf das Epos so sorgsam wie möglich vorzubereiten: am besten durch die Lektüre des Begleitbuchs Die Manns, das sich mit dem Untertitel Ein Jahrhundertroman nicht gerade der Tiefstapelei schuldig macht. Auf mehr als 400 Seiten erzählt es den Film Minute für Minute nach. Durch sorgsame Übergänge, Konturierung der Zusammenhänge und knappe Kommentare öffnet sich - dafür kann man nicht dankbar genug sein - eine Tür zum Verständnis der Saga, auch für den Amateur, der zwar die Familienklassiker kennen mag, doch nicht durch zehn Semester literaturwissenschaftlicher Studien, langjährige Mitgliedschaft in der Thomas-Mann-Gesellschaft und die Kenntnis sämtlicher Biografien und Tagebücher präpariert ist.

Die kundigen Heinzelwesen, die (wie man sich zuraunt) gleichsam über Nacht das wuchernde Material der Autoren zauberisch in ein lesbares Buch (für S. Fischer) zu verwandeln vermochten, erwarben sich ein unschätzbares Verdienst, für das ihnen Breloer und Königstein die Hände küssen sollten.

Allerdings hat die Lektüre ihre Tücken. Bei der Rettung der Tagebücher Thomas Manns, die seine homoerotischen Geheimnisse bargen, vor dem Zugriff der Nazis aus dem Münchner Haus begnügt sich der Film mit Golos Selbstschutzlegende, der treulose Chauffeur Hans habe den Koffer ins Braune Haus getragen, statt ihn ohne Aufenthalt per Expressfracht nach Zürich aufzugeben. Korrekt führt Breloer die Beamten des Zollamtes in Lindau vor, die das kostbare Gepäckstück durchwühlen, ohne sich für die Kladden zu interessieren. Doch der Film verschweigt, was das Buch, der Wahrheit gemäß, zu berichten hat: dass die Schnüffler Verlagsverträge finden, die sie prompt nach München schicken, wo das zuständige Finanzamt eine beträchtliche Steuerschuld des Flüchtlings ermittelt - ein willkommener Vorwand für die Enteignung von Haus, Möbeln, Bibliothek und der fast leer geräumten Konten (während zugleich der S. Fischer Verlag regelmäßig die fälligen Tantiemen nach Frankreich und in die Schweiz überweisen durfte).