die zeit: Professor Markl, als erster Präsident haben Sie sich im Namen der Max-Planck-Gesellschaft bei den Opfern der Menschenversuche während der Nazizeit entschuldigt. Mit diesem Schritt - 56 Jahre nach Kriegsende - haben Sie sich nicht überall beliebt gemacht. Ältere Direktoren von Max-Planck-Instituten sahen ihre akademischen Lehrer plötzlich unter Generalverdacht.

Hubert Markl: Wenn es um die Doktoreltern geht, reagieren viele Wissenschaftler so, als seien die eigenen Eltern betroffen. "Musste denn das jetzt sein?", wurde ich gefragt. Wenn weder die Staatsanwaltschaft noch Historiker sich eingehend mit der Verbindung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zum Naziregime beschäftigt haben, warum ausgerechnet wir? Ich meine dagegen, es gehört zu jeder respektablen Gesellschaft, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit befasst, genauso wie man sich über seine eigene Familie klar werden muss. Und die MPG trat nun einmal nach dem Krieg das Erbe der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) an.

zeit: Warum wurden "Familienmitglieder" wie Mengeles Doktorvater Otmar Freiherr von Verschuer oder die anderen "Rassenhygieniker" nie zur Rechenschaft gezogen?

Markl: Das gilt ja nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für viele Ärzte, das gilt für die Juristen selbst und für andere leitende Funktionäre. Wenn ein gesamtes Volk zwischen 1936 und Kriegsbeginn wahrscheinlich mehrheitlich hinter den Nazis stand, dann werden Sie keine Nische der Gesellschaft finden, in der niemand mit dem Regime verstrickt war, nicht einmal in den Kirchen. Mich wundert allerdings das lange Schweigen der Historiker dazu. Herr Verschuer wurde nach dem Krieg als Leiter des Instituts für Humangenetik an die Universität Münster berufen. Doch bis heute haben es meines Wissens die Historiker der Universität nicht für nötig befunden, sich damit zu beschäftigen. Dabei hat Münster sogar ein gut besetztes Institut für die Geschichte der Medizin. Manchmal wird auch der Eindruck erweckt, als hätte es Naziwissenschaftler nur in der KWG beziehungsweise MPG gegeben.

zeit: Die Verfehlungen von Forschern in der Nazizeit werden als Einzelfälle und als Pseudowissenschaft abgetan.

Markl: Die rassenbiologischen Theorien von damals mögen uns heute ziemlich abstrus erscheinen. Nach damaligem Stand war aber zum Beispiel von Verschuer sicher ein sehr guter Humangenetiker, den man nicht als Dummkopf hinstellen kann. Übrigens hat man auch in Amerika und England rassenbiologische Forschung betrieben, nur hat man dort keine Menschen umgebracht. In Amerika und Skandinavien wurden Menschen zwangssterilisiert, in England nicht. Die Engländer haben damals wie heute bewiesen, dass sie rechtlich und ethisch mit den Bürgerrechten in einer freien Gesellschaft verantwortlicher umgehen können als andere Nationen, die sich auch frei und demokratisch nennen. Das beeindruckt mich.

zeit: Ist Ihnen die gegenwärtige deutsche Diskussion über die Forschung an embryonalen Stammzellen zu geschichtslastig?