Magdeburg/Potsdam

Der erste Eindruck: nicht unsympathisch. Zum abendlichen Gespräch bringt Ulrich Marseille seine Ehefrau Estella-Maria mit. Auf ihrem Arm schläft die drei Wochen alte Tochter Leonie. "Ein Wunschkind", strahlt der stolze Vater. Nichts deutet auf den Unternehmer, den die FAZ einmal als "unberechenbar, herrschsüchtig, cholerisch" beschrieben hat.

Ulrich Marseille ist Mitgründer und gemeinsam mit seiner Frau Mehrheitsgesellschafter der Marseille-Kliniken AG. Der Konzern betreibt Pflegeheime, Senioren-Wohnparks und Behinderteneinrichtungen und gehört zu den führenden privaten Anbietern der Gesundheitsbranche. Nach 1989 expandierte die Firma in den Osten, um dort eine "sozial-gewerbliche Struktur aufzubauen", wie Marseille sagt. Bis vor anderthalb Jahren war der Hanseat Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. Heute sitzt er im Aufsichtsrat, zusammen mit ExArbeitsminister Norbert Blüm und Ex-Bild-Chefredakteur Hanns-Hermann Tiedje.

Kürzlich wollte Ronald Schill Marseille in Hamburg als Senator gewinnen. Doch der Unternehmer sagte ab, denn das Gesundheitsressort, das wäre "ja nur ein Teilbereich von dem, was ich besonders gut beherrsche". Marseille will mehr. Seit einigen Tagen nennt er sich Koordinator der Partei Rechtssstaatlicher Offensive für Sachsen-Anhalt. Damit Schills Partei dort bei den Landtagswahlen im April antreten kann, soll Marseille möglichst schnell einen schlagkräftigen Landesverband organisieren. 60 000 Mark hatte er Schills Partei bereits für den Hamburger Wahlkampf gespendet. Und jetzt? Ein ehemaliger Konzernchef, der Ortsverbände aufbaut, sich um Faxgeräte kümmert und Infostände betreut? Irgendwo in der Magdeburger Börde? "Ich mache das aus Idealismus", sagt Marseille treuherzig. Aus Idealismus? Das wäre das erste Mal.

Zweifel an der Selbstlosigkeit

Vor drei Jahren hat sich der Unternehmer Marseille schon einmal in Sachsen-Anhalt politisch engagiert. Aus dem Nichts heraus kandidierte zu den Kommunalwahlen in Halle/Saale die Mieter&Bürgerliste, eine neu gegründete Partei. Innerhalb kürzester Zeit pflasterte sie die Stadt mit ihren Plakaten voll, im Radio liefen ihre Werbespots. Geldmangel kannte die Liste offenbar nicht. Der Sponsor im Hintergrund hieß Ulrich Marseille, von einer sechsstelligen Summe war damals die Rede. "Ich habe die unterstützt", bestätigt er. Doch in Halle bestehen bis heute Zweifel an Marseilles Selbstlosigkeit. Auf manchem Plakat stand damals: "Mafia-Marseille".

Drei Jahre zuvor hatte Marseille in Halle-Neustadt für 75 Millionen Mark 2700 Plattenbauwohnungen gekauft. Er ließ die Blöcke sanieren und hoffte auf die Zukunft. Bessere Wohnungen, höhere Mieten, steigende Einnahmen, so die Kalkulation. Doch die Rechnung ging nicht auf, die erwarteten Erlöse blieben aus. Immer mehr Wohnungen standen leer. "Die Platte", das war Experten schon damals klar, war keine Goldgrube, sondern ein Millionengrab. Ulrich Marseille hatte sich offenbar verschätzt - und zog vor Gericht. Der Unternehmer verklagte die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Halle-Neustadt (GWG) auf 115 Millionen Mark Schadenersatz plus Zinsen. Begründung unter anderem: Die GWG hätte ihm das Ausmaß des Leerstandes wie einen massiven Schabenbefall verschwiegen. Er sei also "arglistig getäuscht" worden.