Politiker haben alles im Griff. Am besten sich selbst. Jede Bewegung ist kalkuliert, jede Bemerkung abgestimmt. Das Berliner Ensemble der Staatsschauspieler pflegt einen kühlen Stil und die hohe Kunst des Politikjargons. Emotionen ja, aber bitte nur nach dem kleinen Einmaleins der ministeriellen Betroffenheitslitanei. Und in der kontrollierten Körpersprache zeigt sich der wahre Meister.

Als die Grünen noch unbeholfen über ihren Schatten sprangen, fanden das nicht alle lustig. Heute beherrschen sie ihre staatstragende Rolle beneidenswert sicher. Wäre da nicht Claudia Roth, die Bundesvorsitzende. Sie weigert sich beharrlich, am politisch verordneten Gefühlsstau der Grünen-Führungsriege mitzuwirken. Sie bewegt sich völlig unbefangen, reagiert spontan und argumentiert leidenschaftlich. Genauso habe ich sie auch in meiner Sendung erlebt. Mit offenem Visier und ungeschützt traute sie sich noch nach Lüchow-Dannenberg, als Joschka Fischer und Jürgen Trittin schon große Gesten und ernste Mienen übten. Claudia Roth bekennt Farbe und kommt bei der Basis anscheinend damit an. Sie hält sich nicht an die Kleiderordnung und mischt die politische Farbenlehre auf. Wo ihre bunten Schals auftauchen, wird gestritten wie zu Zeiten der Sitzblockaden. Und wenn sie etwas umtreibt, sagt sie es frei heraus. Wie nach ihrem Besuch in Pakistan, bei dem sie das Flüchtlingselend hautnah erfuhr. Sie forderte eine Unterbrechung der Bombardements zur Sicherstellung der humanitären Hilfe und bekam prompt Prügel von allen Seiten. Hier sprach jemand von Menschlichkeit und zeigte öffentlich Gefühle. Leider war's der falsche Zeitpunkt und zudem der Beweis: Claudia Roth ist in Wirklichkeit "Mutter Beimer", viel zu naiv und gefühlsrührend für reale Politik. Einmal auf der Spur, war es für einige Journalisten Ehrensache, von nun an das Klischee der chronischen "Heulsuse" und "Herzdame" zu bedienen. Dabei durfte nicht zimperlich vorgegangen werden, schließlich handelte es sich um eine wichtige Beweisführung: Frauen weinen öffentlich, weil sie hysterisch sind. Männer dagegen bewundern wir, wenn ihre Augen zu glänzen beginnen und sie, von Gefühlen übermannt, in großen Momenten zum Taschentuch greifen.

Was bei den einen zwanghafter Reflex, ist bei den anderen Ausdruck tief empfundener Rührung. So einfach ist das. Wer es nicht versteht, wird als naive Träumerin geoutet und im Wiederholungsfall mit einer Kampagne nicht unter drei Monaten geläutert. Das hat noch immer geholfen. Nur bei Claudia Roth nicht.