Wo steht Deutschland im internationalen Bildungsvergleich?" Die Unternehmensberater von McKinsey haben zu einem Werkstattgespräch über Bildung geladen. Alles vom Feinsten. Das Publikum, die Bewirtung und natürlich der Vortrag. Nur nicht der Befund. Deutsche Schulen, das weiß man seit einigen Jahren, dümpeln im unteren Mittelfeld. Timsshieß die schlechte Nachricht, Third International Mathematics and Science Study. Und Jürgen Baumert, der Referent des Abends, ist der deutsche Mr. Timss. In der kommenden Woche werden die Ergebnisse der Nachfolgestudie vorgestellt. Pisa heißt das Kürzel diesmal, das Schockwellen durch die Schulrepublik senden wird. Und wieder hat Jürgen Baumert die wissenschaftliche Leitung des Projekts. Unter den wenigen Erziehungswissenschaftlern hierzulande, die sich auf das Instrumentarium empirischer Forschung verstehen, ist er der Erste. Der Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung beherrscht nicht nur Zahlen. Er gilt inzwischen als Chefdiagnostiker der neuen deutschen Bildungsmisere.

"Nur im unteren Bereich sind wir einsame Spitze", antwortet Baumert auf die Frage des Abends. Auch wenn man das Ergebnis schon kennt - die Gewebeproben, die der Schulforscher vorlegt, hinterlassen beim versammelten Führungspersonal Sorgenfalten. Zum Beispiel: "Je anspruchsvoller die Matheaufgaben werden, desto deutlicher treten die Schwächen der deutschen Schüler hervor." Pisa könnte die Ergebnisse bestätigen. Im Programme for International Student Assessment wurden rund 250 000 Schüler in 32 Ländern getestet, hierzulande 57 000. Die Resultate werden abgeschirmt wie eine Nato-Verschlusssache. In Deutschland gibt es Grund zur Annahme, Pisa könnte eine Art geistigen BSE-Alarm auslösen. BSE heißt in diesem Fall: Bildungs-Skandal-Erreger.

Pisa fragt nicht den Stoff von Lehrplänen ab, es prüft erstmals, was Schüler fürs Leben brauchen. Die Rede ist von "Literacy". Das gewöhnungsbedürftige Wort spiegelt ein neues Konzept. Es geht weniger ums Buchstabieren von Texten als um die Lesbarkeit der Welt: um Verständnis, Orientierung, Handelnkönnen. Auch Mathematik erscheint hierbei als eine Sprache, die Verstehenshorizonte öffnet. Ihren Code zu beherrschen heißt mehr als nur rechnen können. Mathematik befähigt zum Umgang mit Modellen. Schließlich untersucht die erste Pisa-Staffel (weitere Runden starten 2003 und 2006), die Fähigkeit, sich in Alltagssituationen zurechtzufinden. Aber der Schlüssel für dies alles ist die Beherrschung der Alltagssprache. Alle anderen Kulturtechniken ergeben sich daraus.

"Mangelnde Sprachbeherrschung nimmt die Chancen, selbstständig zu lernen, auch mit modernen Medien", erklärte der Schulforscher in Köln. Es sei eine Illusion, zu glauben, dass die modernen Medien Sprache ersetzten, "das Gegenteil ist der Fall". Aber 60 Prozent der 16-Jährigen in Deutschland läsen nicht mehr. Und er nennt noch ein Ergebnis, bei dem das Publikum die Ohren spitzt: Laut der gerade abgeschlossenen internationalen Civic-Studie über politische Bildung, an der sein Forschungsbereich im Max-Planck-Institut mitgearbeitet hat, "sind wir Weltmeister in der Xenophobie. Da liegen wir an letzter Stelle mit den unangenehmsten Daten." Beklommenheit im Saal.

Misstrauen gegenüber Eiferern

Die Spannung wächst weiter. Über Rankinglisten und internationale Leistungsvergleiche als globales Pferderennen spricht der Bildungsforscher verächtlich. Allerdings sind für ihn Zahlen nicht suspekt wie für viele seiner geisteswissenschaftlichen Kollegen in der pädagogischen Zunft. Baumert ist Skeptiker. Er misstraut den Eiferern und schnell reimenden Theoretikern, die immer schon wissen und nicht mehr genau hinsehen müssen. Wenn die Ergebnisse aus Tests, Befragungen und kontrollierten Beobachtungen zu Hypothesen drängen, erwacht sein theoretischer Eros. Wie kommt es, dass bei deutschen Schülern das schematische Denken dominiert? Warum vermeiden so viele von ihnen die lustvolle Anstrengung, den eigenen Verstand zu gebrauchen? Warum kommt in deutschen Schulen Kreativität zu kurz?

Und was ist zu tun? Bloß mehr Unterricht zu verlangen, wenn er nicht besser wird, macht alles eher noch schlimmer. "Misstrauen Sie allen schnellen Lösungen", warnt Baumert. Da hat er wohl wieder den 4. Dezember und die Pisa-Studie im Sinn. Fest steht für ihn, dass die Veränderung deutscher Schulen zumindest eine Generation brauchen wird. Das lange mitgeschleppte und "überlernte" deutsche Unterrichtsskript, das die Schüler nicht zu Selbstständigkeit und Neugier animiert, sei zu überwinden. Dazu müssten sich Lehrer endlich interessieren für die Wirkungen dessen, was sie tun, müssten sich nicht hinter der Klassentür abschotten, sondern offen sein für Kritik und Hilfe. Für die meisten Berufe ist das selbstverständlich, für die Mehrzahl deutscher Lehrer nicht.