Unter französischen Intellektuellen gehört es auch über fünfzig Jahre nach dem Krieg zum Pflichtprogramm, beim Stichwort Deutschland erst einmal auf Distanz zu gehen und Bedenken anzumelden. Dann sind die altbekannten Fragen angesagt: Kann man den Deutschen wirklich trauen? Haben sie dem Drang nach Osten wirklich abgeschworen? Le sonderweg allemand, steckt er nicht noch in den Köpfen? Und wie geht man mit den incertitudes allemandes um? Selbst wenn die Antworten in der Regel beruhigend ausfallen, wenn jeder seinen netten Deutschen kennt, ist zumindest die Gänsehaut obligatorisch. Wer bekommt die nicht, wenn der Publizist Michel Meyer sein x-tes Deutschland-Buch unter dem schicksalsschweren Titel Le démon est-il allemand? verkauft.

Nun ist ein Buch anzuzeigen, das von einem neuen Deutschland berichtet, einem offensichtlich ganz normalen Land. Henri de Bresson ist keiner von den Theoretikern unter Frankreichs Deutschland-Kennern, die ihren Lesern elegant formulierte Stereotype als Realität vorsetzen. Der Redakteur von Le Monde hat sein Blatt in Bonn und Berlin vertreten, seine Artikel zeichneten sich stets vor allem durch die Beschäftigung mit der Realität aus. La nouvelle Allemagne ist von ähnlichem Anspruch: eine Reflektion über den Nachbarn, immer hart an den Fakten, um eine solide Analyse bemüht und für Verständnis werbend.

Was ist denn nun neu an Deutschland? Nicht dass es die historische Bürde seiner finsteren Jahre abgelegt hätte. "Die Vergangenheit ist in Deutschland nie fern", schreibt de Bresson. Historikerstreit, Goldhagen-Debatte, Walser-Rede, aber auch Entschädigung von Zwangsarbeitern - all das zeigt eben doch, wie präsent die Geschichte geblieben ist. Aber neu ist die geografische Größe, das Gewicht der Bevölkerung nach der Vereinigung, das Wirtschaftspotenzial, auch die ökonomischen Schwächen. Und das Bemühen um mehr Einfluss, vorgetragen mit ungewohnter Selbstsicherheit. Neu nennt de Bresson schließlich die Bereitschaft zum grundsätzlichen Umdenken. Das alte Staatsangehörigkeitsrecht galt den Franzosen als Relikt aus Blut-und-Boden-Zeiten; nun stellen sie verwundert fest, dass sich das deutsche Gesetz stark am französischen jus solis ausrichtet. Neu auch die deutsche Bereitschaft, die Bundeswehr außerhalb des Nato-Bereichs einzusetzen. Nach de Bresson eine glatte Notwendigkeit, weil das neue Deutschland sich nicht vor seiner neuen Verantwortung drücken darf. Täte es das, wäre wohl Anlass zu besorgten Fragen.

Weniger autoritätsgläubig

Wie tief der Wandel geht, dafür führt de Bresson zwei Protagonisten rot-grüner Politik an: Otto Schily, einst ein Edelgrüner und Verteidiger von Terroristen, heute als Innenminister für Recht und Ordnung im Lande verantwortlich; dann Joschka Fischer, vom Straßenkämpfer und Edelsponti zum Chef der deutschen Diplomatie aufgestiegen und einer der "brillantesten Geister der politischen Klasse". Zwei Karrieren, die im Land der Eliteschulen und des ausgeprägten Corpsgeistes so gut wie ausgeschlossen wären. Zwei Karrieren auch, die sicher viele Franzosen dieser vermeintlich schwerfälligen deutschen Gesellschaft gar nicht zugetraut hätten.

Über Deutschland wundern soll sich der Leser, über die hohe Arbeitslosigkeit genauso wie über die Berliner Love Parade (parade de l'amour liest sich allerdings reichlich seriös) und den Stellenwert der Freizeit in einer Gesellschaft, die nach alter Kli-scheevorstellung doch nur an Arbeit denkt. Aus und vorbei auch das Bild vom deutschen Untertanen, der nur darauf wartet, jemandem mit "Jawoll!" zu antworten. Mancher Franzose wird nicht glauben wollen, dass die Deutschen (laut Umfrage) weniger autoritätsgläubig sind als sie selber.

Wichtig ist de Bresson Deutschlands Position und Verantwortung in Europa. Auch da grassieren verquere Vorstellungen. Allen Ernstes kritisiert der linke Exminister Jean-Pierre Chevènement, auch er ein "anerkannter" Deutschland-Kenner, Deutschland wolle "aus Europa ein neues Heiliges Römisch-Germanisches Reich machen, das weder Rückgrat noch Handlungsfähigkeit besitzt". Dem setzt de Bresson die Rede Joschka Fischers in der Berliner Humboldt-Universität entgegen, den Vorschlag, über die richtige Struktur genauso nachzudenken wie über die Finalität Europas. Kaum verhüllt ist sein Bedauern, dass Paris den Ball nicht aufnahm und Fischer praktisch ohne Antwort blieb.