Auf den Parteitagen ist die entsprechende Inflation schon sehr fortgeschritten. Als mein verehrter und manchmal liebevoll verspotteter Kollege Hans-Ulrich Kempski vor über dreißig Jahren anfing, in seinen Parteitagsberichten die Dauer des Beifalls zu stoppen, war eine Dauer von 60 bis 90 Sekunden schon rekordverdächtig, ja geradezu als frenetisch eingeschätzt worden. Frau Merkel kam nun auf sechseinhalb Minuten, stehend - in Ziffern: 390 Sekunden. Das ist viermal so viel - aber ob Frau Merkel als Kanzler(kandidat)in viermal so groß ist wie, sagen wir, Konrad Adenauer oder Willy Brandt? Oder ob sie nur viermal so lange oder begeisternd geredet hat? Es ist wohl doch so, dass die Journaille abschätzend mit dem Messen angefangen hat - und die Parteitagsarrangeure sich gesagt haben: Das machen wir uns zu eigen - wir klatschen die kritischen Journalisten sozusagen tot. Denn die Dauer des Beifalls, die müssen sie einfach melden. Egal, was sie über die Rede selber denken mögen.

Wir kommen auf das Thema zurück, wenn die Zehn-Minuten-Marke überschritten wird. Einstweilen aber trösten wir uns damit, dass aufgrund des Wahlgeheimnisses die politisch entscheidende Stimmabgabe im Wahllokal still erfolgt - wenn auch zuweilen stehend.

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