Jerusalem

Sari Nusseibeh fehlten die Worte. Nach einem Vortrag an der Hebräischen Universität in Jerusalem fragte ihn ein Zuhörer: "Könnten Sie nicht Jassir Arafat ablösen?" Der 52-jährige Philosoph schmunzelte verlegen und rückte - statt einer Antwort - seine große Brille zurecht. Für seinen Auftritt hatten die Veranstalter im letzten Moment einen größeren Saal finden müssen. Denn statt der erwarteten 100 Israelis warteten mehr als 500 am Eingang. Sie freuten sich über die Rückkehr Nusseibehs, als handle es sich um das Comeback eines Stars. Wie kommt es, dass ein Palästinenser in Israel so gefeiert wird?

Angefangen hat alles mit Nusseibehs Artikel Was kommt als Nächstes?, der vor wenigen Wochen in der hebräischen und arabischen Presse erschien. Darin wandte er sich gegen den anhaltenden gewaltsamen Aufstand der Palästinenser und erklärte die PLO-Forderung nach einer Rückkehr der Flüchtlinge in ihre ehemalige Heimat (das heutige Kernland Israel) für illusorisch und kontraproduktiv: "Es ist klar, dass Israel nicht die Forderung nach der Rückkehr von vier Millionen Flüchtlingen innerhalb seiner Grenzen akzeptieren kann, nachdem nebenan ein Palästinenser-Staat gegründet worden ist." Diese Frage, die in der arabischen Welt immer wieder für "heilig" erklärt wurde, steht als eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern.

Natürlich wird hinter verschlossenen Türen schon länger über mögliche Kompromissformeln diskutiert, nur hatte sich bisher niemand öffentlich an das Tabu gewagt. Nusseibeh habe so etwas wie "ein ideologisches Erdbeben" ausgelöst, urteilte der israelische Jerusalem Report.

Nusseibehs Einlassungen würden weniger Aufsehen erregen, wäre er ein einfacher Hochschulprofessor. Doch seit der Ernennung zu Jassir Arafats offiziellem Vertreter in Jerusalem hat sein Wort politisches Gewicht. Anders als sein verstorbener Vorgänger Faisal Husseini ist Nusseibeh kein Fatah-Mann, er gehört also nicht zur engen Gefolgschaft des PLO-Chefs. Gleichwohl gehörte der in Oxford und Harvard ausgebildete Professor zu den ideologischen Mentoren der ersten Intifada seit 1987. Nusseibeh vertrat die Palästinenser 1991 auf der Nahost-Friedenskonferenz in Madrid. Nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens zwei Jahre später zog er sich aus der Politik zurück. Er wollte sich ganz seiner Aufgabe als Präsident der Al-Quds-Universität in Jerusalem widmen, sagte er damals. Doch schnell hieß es, Nusseibeh habe sich mit seinem Rückzug in die reine Lehre von der damals neu gegründeten Autonomiebehörde distanzieren wollen, die bald in den Ruf eines korrupten Apparates kam. Heute drängt sich trotzdem die Frage auf, wie unabhängig Nusseibeh tatsächlich handelt und handeln kann: Spricht der Akademiker aus eigenem Antrieb, oder redet er als Arafats Gesandter? Ist er die Ausnahme, welche bloß die Regel bestätigt, der einsame Rufer in der Wüste, oder kündigt er einen strategischen Wandel an?

Der Mensch sei wie eine Traube aus lauter verschiedenen Persönlichkeiten, wehrt Nusseibeh diese Frage ab. Er sehe sich als Lehrer und fühle sich frei, kritisch zu denken. Sari Nusseibeh sitzt ohne Krawatte mit offenem Hemd und raucht eine Zigarette nach der anderen, während er jedes seiner Worte genau abwägt. Ja, natürlich sei er sehr pessimistisch über die Lage und hoffe, ein Wunder zu bewirken, indem er die Dinge laut sage. "Wir müssen uns wieder auf die Vernunft besinnen, die im vergangenen Jahr kaum eine Rolle gespielt hat, und klarstellen, was in unserem besten Interesse liegt. Möglich, dass ich politisch naiv bin, doch vielleicht ist das gar nicht so schlecht."

Philosoph ohne Träume