Als damals in der Renaissance die Malerei die Perspektive entdeckte, war das so revolutionär wie Luthers Thesen. Kriege waren die Folge, und eine neue Ästhetik hielt Einzug in die Studierstuben der Intelligenzija und die Ateliers der Künstler. Nichts davon war mehr so, wie es vorher war. Das kostete Opfer, in den Universitäten ebenso wie in den Künsten.

Doch in den Küchen blieb alles, wie es vorher war: Für eine gute Suppe brauchte man weiterhin eine Bouillon, Nudeln schmeckten besser, wenn man einen Klumpen Butter unter die heißen Teigwaren rührte. Und zu Weihnachten brieten die Leute eine Gans.

Das alles soll jetzt nicht mehr gelten? Unseren geliebten Gänsebraten wollen sie uns vermiesen, die Kuskus-Fundamentalisten? Krieg führen gegen unsere westliche Esskultur? Nichts da! Jetzt wird erst recht die Gans gebraten, sogar hier, an dieser Stelle, wo der traditionelle Fettvogel bisher auf dem Index stand. Jawohl - Weihnachten wird eine Gans gebraten!

Ich habe mir eine auf dem Markt gekauft, weil sie im Supermarkt keine hatten. Marktfrische ist nicht nur eine Voraussetzung für Froschschenkel, die wir als Vorspeise essen wollen, auch die Gans muss gestern noch geschnattert haben. Das versprach die Bäuerin bei allen Heiligen.

Sie war sehr schwer, die Gans, und so nackt und glatt hatte sie viel von ihrem Liebreiz eingebüßt, den die einzige mir persönlich bekannte Gans ausstrahlt. Die gehört einem winemaker im Napa Valley und springt den Besuchern auf den Schoß, wenn die den Chardonnay probieren wollen. Ich glaube, sie halten sie wegen der Klapperschlangen, die einem sonst auf den Schoß springen würden. Jedenfalls war sie noch bei meinem letzten Besuch sehr zärtlich, diese Gans, und ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.

Ich schleppte sie also nach Hause, jene andere Gans, die mir die Bäuerin verkauft hatte, wuchtete sie auf den Küchentisch (die Gans, nicht die Bäuerin) und wollte ihr den Kopf abhacken. Das ist leichter getan als beschrieben, und als ich das hinter mir hatte, entdeckte ich das Fett. Meine Gans besaß Fettpolster wie ein Walfisch! Bei deren Anblick kam mir zum ersten Mal der Gedanke an ein weihnachtliches Fischessen, auch wenn ein Wal gar kein Fisch ist, wie ich wohl weiß, Ihr Besserwisser!

Aber der Vogel war teuer und schwer, und nicht zuletzt ging es um die Solidarität im Kampf gegen die Feinde unserer Kultur. Also heizte ich den Backofen vor und legte alles bereit, was mir für ein Gelingen des Bratens wichtig erschien. Und was ich Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern, in der kommenden Woche zum ersten Mal als Weihnachtsmenü beschreiben wollte.