Wer in den ersten Wochen nach dem Massenmord vom 11. September auf intellektuelle Analysen wartete, der wartete meist vergeblich. Zu tief saß der Schock. Erste Reaktionen erschöpften sich in hilfloser Anthropologie: Das Böse kehrt zurück, die Gewalt ist ewig und heillos das Menschengeschlecht. Es schleppt sich dahin, erst unter freiem Himmel, nun unter den Bombern des freien Westens.

Inzwischen hat sich der Nebel gelichtet. Nach dem verqueren Streit in den links- und rechtsintellektuellen Lagern über die Legitimität des Afghanistan-Krieges haben endlich jene Auftrieb bekommen, die den Terror nicht nur militärisch, sondern auch politisch bekämpfen wollen. Sie proklamieren nicht einfach nur die Menschenrechte; sie fordern, dass die Logik des Geldes durch die Globalisierung der westlichen Freiheit ergänzt wird.

Diese Forderung verdient alle Sympathie. Sie geht weit, aber vielleicht nicht weit genug; sie ist kritisch, aber nicht gegen sich selbst. Denn warum, so könnte man fragen, wird die Durchsetzung westlicher Freiheit in vielen Ländern als Machtpolitik empfunden, als Bedrohung und schmerzhafter Verlust? Warum erscheint das System der Freiheit dem nichtwestlichen Blick oft als Trojanisches Pferd, mit dem ganz andere, nämlich hegemoniale Interessen eingeschmuggelt werden? Warum zweifeln viele an der schlichten Rechnung, wonach die individuelle Freiheit aus der Säkularisierung glücklich hervorgeht?

Vielleicht hängt der selbstgewisse Ton, mit dem liberale Intellektuelle zur Globalisierung der Moderne aufrufen, mit dem Unbehagen zusammen, das wir bei ihrer Durchsetzung empfinden. Auch die Beteuerung, man müsse Markt und Menschenrechte nur richtig kombinieren, dann werde die Welt zu einem besseren Ort, klingt seltsam hohl. Denn was taugen Freiheitsrechte ohne soziale Rechte? Selbst eingefleischte Systemtheoretiker haben den Glauben an den Selbstlauf des Kapitals verloren und erinnern sich der Warnungen ihres großen Lehrers. Niklas Luhmann hatte die Schrecken einer Weltgesellschaft ausgemalt, in der fast vier Fünftel der Menschen ausgeschlossen sind, ohne Zugang zum Ausbildungs-, Gesundheits- und Rechtssystem und damit ohne Chance, dem Teufelskreis aus Armut und Gewalt zu entkommen. Seit dem Ende des Kalten Krieges, so der Soziologe Dirk Baecker, wird das Elend der Dritten Welt als "Kollateralschaden für die Sicherstellung des Wohlstandes der Ersten Welt in Kauf genommen".

Wer die Globalisierung der Freiheit fordert, sollte zu den sozialen Bedingungen ihrer Durchsetzung nicht schweigen. Dass die fragilen Formen der Demokratie mit einem entfesselten Kapitalismus dauerhaft zusammengehen, glauben nicht einmal die, die es glauben müssen. Selbst James D. Wolfensohn, Präsident der Weltbank, hat das Vertrauen in die erlösende Macht des Marktes verloren, und er kennt die Elendsstatistik besser als die, die sich in den weißen Wohlstandszonen auf ihn berufen. Welchen Grund sollte es geben, ihm zu misstrauen?