Ein großer Forscher, Lehrer, Wissenschaftsorganisator und Philosoph: Werner Heisenberg, der Physiker, der als Erster zur heute gültigen Atomtheorie, zur "Quantenmechanik" und ihrer Deutung gelangte, wäre am 5. Dezember hundert Jahre geworden.

Es wird immer deutlicher, dass die Entdeckung der Quantenmechanik im 20. Jahrhundert die größte Revolution des naturwissenschaftlichen Weltbildes verursachte. "Vielleicht werden wir zu jeder wissenschaftlich neuen Erkenntnis immer wieder von neuem in die Situation des Kolumbus kommen müssen, der den Mut besaß, alles bis dahin bekannte Land zu verlassen in der fast wahnsinnigen Hoffnung, jenseits des Meeres wieder Land zu finden" - mit diesen Worten umriss Heisenberg 1934 auch seine eigene Lage vor dem entscheidenden Durchbruch von 1925.

Der Kontinent der alten Atomphysik, von dem er sich löste, enthielt die folgende Vorstellung des Mikrokosmos: Die Atome bilden kleine Sonnensysteme, in dem die Elektronen als Planeten unter der Wirkung der elektrischen Anziehung um die Atomkerne kreisen. Dieses seit Jahrhunderten dem Menschen aus der Astronomie in Fleisch und Blut übergegangene Bild der physikalischen Wirklichkeit wurde nun durch die Quantenmechanik umgestürzt: Nach ihr gewinnen die mikroskopischen Teilchen bisher unverständliche Eigenschaften, denn sie lassen sich nicht beliebig genau in allen Eigenschaften messen (Unbestimmtheitsbeziehungen), ja sie verhalten sich manchmal wie ganz andere bekannte Objekte, die Wellen.

Diese unerwartete Physik des Neuen Kontinents erscheint den Menschen auch heute noch oft als Rätsel. "Man kann die Quantenmechanik nicht verstehen", äußerte einmal sogar der bekannte Nobelpreisträger Richard Feynman. Dazu ist festzuhalten, dass auch die Kopernikanische Wende im Weltbild den Menschen auf der Erde noch jahrhundetelang Verständnisschwierigkeiten bereitete. Erst die New-tonsche Mechanik und ihr Erfolg in wissenschaftlichen und technischen Problemen bewirkten den Umschwung im Alltagsleben. In der Atomphysik hat die Quantenmechanik eine ähnlich universelle Gültigkeit wie die Newtonsche Mechanik (bis auf Korrekturen durch die Allgemeine Relativitätstheorie) in der makroskopischen Welt. Daher muss und wird sich der Mensch auf dem Neuen Kontinent eingewöhnen und - wenn auch vielleicht erst nach Jahrhunderten - die dortigen Gesetze anschaulich verstehen.

Die entscheidenden Revolutionen in den Naturwissenschaften - "Umstürze im Weltbild" - verbinden sich in der Regel mit großen Namen, etwa mit Isaac Newton, Charles Darwin oder Albert Einstein. Diesen Individuen sind ebenso grundlegende wie einfache, unsere bisherigen Begriffe verändernde Gedanken eingefallen, zum Beispiel Newton, dass der freie Fall eines Steins und die Bewegung der Planeten um die Sonne dieselbe Ursache haben. Es scheint also, dass, ebenso wie in der Kunst, geniale Individuen besonders zu wissenschaftlichen Revolutionen beitragen.

Andererseits beruhten ihre neuen Erkenntnisse fast immer auf der empirischen Vorarbeit zahlloser "Kärrner". Auch heute, im Zeitalter der großen Laboratorien, in denen Hunderte von Physikern zusammenarbeiten, wird vor allem Kärrnerarbeit geleistet, während sich die wissenschaftlichen Durchbrüche fast immer mit herausragenden Persönlichkeiten verbinden. Das 20. Jahrhundert besaß jedenfalls in Heisenberg noch ein wissenschaftliches Genie des alten Stils - freilich konnte er sich nicht nur auf die Resultate vieler Kärrner, sondern noch mehr auf die Anregungen einer kleinen Gruppe ebenfalls genialer Mitstreiter stützen, etwa von Wolfgang Pauli.

Die wissenschaftspolitische Tätigkeit Werner Heisenbergs begann eigentlich schon 1927 mit der Übernahme der Professur an der Universität Leipzig, die er im Verein mit den Kollegen Peter Debye und Friedrich Hund zu einem Zentrum der Atomphysik ausbaute. Die Nazidiktatur brachte zunächst den Verlust seiner jüdischen Mitarbeiter und Studenten, später auch persönlich gefährliche Angriffe auf seine Wissenschaft, die er kühn verteidigte. 1939 entschied er sich, trotz großzügiger Angebote in den USA, nach Deutschland zurückzukehren, denn er wollte die ihm anvertrauten Menschen nicht im Stich lassen.