Der Gedanke hinter dieser Vermutung ist, dass durch eine Brille die Augenmuskulatur zu "faul" werde und man sie deshalb nicht genügend trainiere. Das ist aber eine irrige Vorstellung, betonen die Verbände der deutschen Augenärzte und Augenoptiker. Ein Mensch hat eine Fehlsichtigkeit, wenn die Geometrie seines Augapfels so verzerrt ist, dass der Fokus des Bildes, das durch die Linse gebündelt wird, vor oder hinter der Netzhaut liegt - und nicht genau darauf, wie es eigentlich sein sollte. Das wird durch die "vorgeschaltete" Linse der Brille korrigiert. Dadurch hat der Brillenträger etwa die gleichen Voraussetzungen wie ein Normalsichtiger. Und dessen Augen werden ja auch nicht schlechter, weil er zu faul wäre. Die Muskeln haben immer noch genug damit zu tun, die Linse auf nahe oder weiter entfernte Objekte "scharf zu stellen". Wenn die Augen im Lauf der Jahre altersbedingt schlechter werden, dann liegt das nicht an schlaffen Muskeln, sondern an der nachlassenden Flexibilität der Linse.

Die Mär, dass man Fehlsichtigkeit durch "Augengymnastik" korrigieren könne, ist vor allem auf ein Buch von William Bates zurückzuführen, das 1920 erschien. Dessen Sehübungen haben aber ihre Wirksamkeit nie in wissenschaftlichen Studien unter Beweis stellen können. Die Augen können allerdings leiden, wenn ihnen die falsche Brille verpasst wird. Die deutschen Augenärzte warnen insbesondere vor so genannten Prismenbrillen, die bei Kindern zu irreparablen Schäden führen können. Christoph Drösser

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