Natürlich hat dieser Traum auch ein Ziel. Nicht etwa, mehr Geld zu verdienen oder meinen Stil zu verbessern. Der persönliche Stil ist etwas, was man sehr bald gefunden hat, wenn man erst einmal beginnt, Geschichten aufzuschreiben. Es geht mir allein darum, tiefer und tiefer in den dunklen Ozean der menschlichen Seele einzutauchen, um mich selbst und die Menschen besser kennen zu lernen.

Mein Traum, das Schreiben, ist ein Lernprozess - für mich wohl der Wichtigste in meinem Leben, denn ich habe mich seit meiner Kindheit jedem Versuch der Erziehung durch andere Menschen widersetzt. Das Scheitern jeglicher Form von verordneter Erziehung hat mein Leben mehr geprägt als alles andere. Es gab in meiner Jugend kein Internet und nicht die Möglichkeit, sich die Welt still und für sich allein so anzuschauen, wie man es gern wollte, zu lernen und sich damit auseinander zu setzen, was einem lag. Die schulische Erziehung war klassisch, akademisch. Das bedeutete, dass ein Schüler die meisten Dinge lernte, um sie gleich anschließend wieder zu vergessen. Als Knabe war ich zum Beispiel sehr gut in Trigonometrie. Aber heute kann ich mich an keinen einzigen Satz dieser mathematischen Disziplin mehr erinnern. Sie hat offensichtlich einfach nicht zu meinem Leben gepasst. Ich habe nur die Dinge wirklich gelernt und auch im Gedächtnis behalten, auf die mich meine eigene Neugier zugeführt hat. Auch meine Suche nach spirituellen Wahrheiten war bestimmt von dieser Neugier, nicht von dem Glauben, den man mir als Kind aufzwingen wollte.

Unsere Träume sind die eigentlichen Bestimmungen unseres Lebens, und unser Universum selbst ist ein Traum Gottes. Dieser Tisch hier vor mir, die Kaffeetasse, der Stuhl, das Zimmer, all diese Dinge nehme ich wahr, weil sie Licht in verschiedener Intensität reflektieren, das in mein Auge und schließlich in mein Gehirn dringt. So entsteht unser persönliches Universum. Ich neige dazu anzunehmen, dass es diese Dinge um mich herum wirklich gibt, und verlasse mich dabei auf meine fünf Sinne. Sie sind meine Beweismittel dafür, dass das, was mich etwa in diesem Raum umgibt, wirklich existiert. Aber lebt nicht jeder Mensch in seinem eigenen Kosmos? Das Universum selbst verändert sich ständig. Ist es nun also die Realität, die da in diesem Augenblick vor mir liegt, oder träume ich das alles vielleicht nur, so wie Gott sich unser Universum erträumt?

Die Kraft unserer Träume liegt offensichtlich darin, unsere Sicht der Dinge und damit am Ende auch die Welt zu verändern. Wenn die Zahl der Menschen, die einen bestimmten Traum haben, nur groß genug ist, dann wird er am Ende Realität werden. Natürlich besteht für manche die Gefahr, so sehr von ihren Träumen gefangen zu sein, dass sie manipulierbar werden. Trotzdem befreit uns das nicht von der Notwendigkeit, Visionen zu haben und ihnen zu folgen. Hätte Kolumbus nicht den Traum einer neuen Welt gehabt und ihn hartnäckig verfolgt, wäre es ihm nicht gelungen, die Karibik und Mittelamerika zu entdecken und damit letzlich die geopolitische Ausrichtung Spaniens entscheidend zu verändern - dann wäre die Geschichte anders verlaufen. Der Traum eines einzelnen Menschen kann das bewirken.

Manche glauben heute, dass die Wissenschaften mit ihrem universellen Erklärungsanspruch gescheitert sind und wir deswegen wieder in unsere Träume flüchten oder uns mit Märchen und Mythen beschäftigen, um zu besonderen Einsichten zu gelangen. Sie denken, dass die Vielzahl an wissenschaftlichen Erkenntnissen uns den Blick für das Wesentliche verstellt hat. Ich bin da anderer Ansicht. Die Wissenschaft kann eine Vielzahl sehr konkreter Problemen lösen, man darf sie jedoch nicht überfordern. Ein Wissenschaftler ist ein Fachmann, aber er begreift die Welt insgesamt genauso wenig wie wir. Das ist nicht die Schuld der Wissenschaft, es ist eher eine Eigenart des menschlichen Wesens, Fragen immer an diejenigen zu richten, die sie nicht beantworten können. Das gilt für die Wissenschaft genauso wie für die Religion.

Es wird immer Fragen geben, die nicht beantwortet werden können. Unsere Mythen, die, wie C. G. Jung sagt, Urbilder, so genannte Archetypen, verwenden und damit ein kollektives Unterbewusstsein ansprechen, sind immer dieselben. Jede Generation formuliert sie lediglich neu und wirft damit ein Licht auf das gemeinsame Band, das uns mit allen anderen Menschen verbindet, die die einfachen Aussagen dieser Geschichten genauso verstehen können.

Märchen und Mythen erklären zwar nicht wirklich die Welt, aber indem wir sie lesen und sie mit anderen Völkern teilen, teilen wir auch die Ideen, die in ihnen stecken.