Auf die Pirsch geht der Großbildjäger im flachen Kahn. Im Heck stehend, späht er in das Dickicht der Stadt, schäkert mit irr bellenden Kötern, liest die Spuren an den Wänden, das fette Grün der Algen ganz unten, den Streifen schwarzbraunen Moders darüber, dann das brüchige Weiß des Marmors, zuletzt das durcheinander gewürfelte Rot und Ocker des Backsteinmauerwerks. Oder die Lache von ochsenblutfarbenem Putz, die sich gerade noch an der Wand halten kann. Oder das faulige Holz einer Pforte, zerklüftet wie das kariöse Gebiss einer verlotterten Grand Old Schachtel. Oder, oder, oder. In Venedig gibt es auf 100 Metern tausendundeine Art des Verrottens, Vermoderns, in Schönheit Vergehens. Der Großbildjäger kennt sie alle.

Die Flut von Eindrücken ist sein Revier. Vor jeder Biegung, jeder Kreuzung im Wirrwarr der Kanäle bläst er in ein kleines, verbeultes Horn, das widerwillig quäkend ein Ausrufezeichen über das graugrüne Wasser malt: Achtung, Gegenverkehr! Was in etwa so sinnvoll ist, als wollte man mit einer Panflöte den Flugverkehr auf dem Aeroporto Marco Polo regeln. Plötzlich zielt der Jäger in eine schummrige Ecke und drückt ab. Seine Waffe: ein kleiner Fotoapparat. Seine Beute: ein neues Motiv.

Tausende Bilder hat Ezio Toffolutti auf diese Weise schon geschossen, fünf Minox-Kameras verschlissen. "Ein Leben reicht nicht aus, um hier alles zu sehen", sagt er, der hier geboren wurde und schon als Kind anfing, sich von der Stadt ein Bild zu machen, sie entlang ihrer rostigen Geländer und knubbeligen Mauern zu ertasten. Eigentlich wollte er Seemann werden wie sein Vater und sein Großvater, doch dann setzte ihn die Eindruckschinderin Venedig auf eine andere Spur: Er wurde Bühnenbildner, Maler, Regisseur. Und bleibt auch als Künstler Fahrensmann, gehorcht dem Gesetz der Stadt im Meer: weggehen und wiederkommen. Für lange Jahre zieht er in die DDR, ans Berliner Ensemble, ehe er 1986 nach Venedig zurückkehrt und sich seine Heimat vom Wasser her erneut aneignet.

Krebse fangen im Müll

Sein flaches Fischerboot, die verigola, parkt direkt vor der Haustür im Rio del Gaffaro. So oft es geht, sticht er in See auf der Suche nach neuen Motiven, die er, verwandelt, verbogen, überdreht in seine Theaterfantasien einschraubt. Gerade das diffuse Herbstlicht, das sich zwischen kalenderkitschiger Nebelsuppe und goldgerahmten Frühwintersonnentagen nicht entscheiden kann, mag er. Nur dann leuchtet der Marmor richtig weiß. Am ergiebigsten für seine Beutezüge sind nicht die Muss-Orte für Touristen, deren Glanz durch millionenfaches Begaffen stumpf geworden ist. Toffolutti kreuzt lieber durch das schwer zugängliche Militärwerftgelände der Arsenale. Oder auf schummrigen Wassergassen durch das Niemandsland südwestlich seiner Wohnung im Viertel Santa Croce, zwischen Bahnhof und dem Hafen für die großen Pötte, vorbei an alten Fischerhäusern und neuen Sozialbausünden, rund um das Gefängnis, dessen Mauern auch die Kirche Santa Maria Maggiore festhalten. Gleich dahinter, noch vor den großen Kais der Stazione Marittima, hat Toffolutti gerade für seine Theaterstudenten zwei alte Lagerhallen gesichert. Stege verbinden die Gebäude - "eine Bühne wie das Globe Theater", sagt er. Und gibt Vollgas.

Das muss er, um so schnell wie möglich über den reichlich kabbeligen Canale della Giudecca zu kommen. Wenn der Canal Grande die Hauptverkehrsstraße Venedigs ist, dann ist das hier die Autobahntangente. Hier hilft das heisere Horn noch weniger; einmal wurde Toffolutti in seinem Bötchen sogar von einem der präpotenten Wassertaxis überfahren. Erst im kleinen Rio di San Biagio, der die Insel Giudecca durchschneidet, kann die Motivsuche im Schritttempo weitergehen.

Der südliche Rand der Stadt ist die Rückseite ihres Postkartenpomps, hier stammelt sie sich was zurecht. Der riesige Komplex der Mühle Stucky würde eher in Hamburgs Speicherstadt passen, ist in seiner Jahrhundertwendegröße aber noch ansehnlich genug, um demnächst ein Kongresszentrum abzugeben. Doch dann kommen die Ufer, an denen die "Dummheit der Venezianer", wie Toffolutti sagt, ersichtlich wird. Wilde Müllkippen, im Wochenrhythmus beseitigt und neu aufgetürmt, säumen den Kanal - was niemanden daran hindert, hölzerne Käfige zur Krebszucht hineinzuhängen. Sogar das Gegenbild zu den Filmfestspielen findet sich hier: Auf einem lange vergessenen Studiogelände rotten seit fast 50 Jahren die Kulissen von Viscontis Senso vor sich hin. Eine Nature morte aus Kränen, Rost, Gras. Aber auch eine der wenigen Ecken, in denen Neues entsteht, Wohnungen und Büros in zeitgenössischem Geschmack. Ein ideales Revier für den Großbildjäger, der überall provisorische Bühnen entdeckt, Arbeitspodeste, Brettergerüste, tote Balkone, Ausgucke, Abstürze. Seine jüngste venezianische Inszenierung begann übrigens unter einem Müllhaufen.