Die Wälder von Westpolen sind wie gemacht für den Wolf. Unsagbar viel Grün. Reichlich Wild, Wasser, verschwiegene Rückzugsgebiete. Über 400 Quadratkilometer zusammenhängendes Forstschutzgebiet erstrecken sich rund um Insko und Drawsko-Primoskie, eine Autostunde von der deutsch-polnischen Grenze entfernt.

In dieser Nacht, es herrscht empfindliche Kühle, und es regnet, führen Magda und Maciek, Wildhüter aus dem nahen Dorf Dlusko, die Chefin der polnischen Wolfsforscher Sabina Nowak und ihre Begleiter durch das dichte Gestrüpp.

Ganz leise treten. Bloß kein Wort. Es reicht schon das Holz, das unvermittelt unter den Sohlen kracht. Irgendwie hören sich nach Mitternacht alle Geräusche im Wald doppelt so laut an. Das Klacken der Autotür. Das Auseinanderfalten der Geländekarte auf der Motorhaube des Jeeps. Jeder Schritt im Gelände wird zur Entscheidung darüber, ob die »Howling Session« gelingt.

Eine Howling Session ist ziemlich das, wonach es sich anhört. Menschen heulen im Wald. Nicht so sehr aus Spaß; es ist eine wissenschaftliche Methode, um festzustellen, ob es in der Umgebung tatsächlich Wölfe gibt.

Sie funktioniert allerdings nur, wenn unter den Heulern jemand ist, der wirklich heulen kann wie ein Wolf, so, dass es auch die Wölfe überzeugt. Denn die müssen zurückheulen.

Sabina Nowak geht vor den anderen, ihre Figur scheint in der Nacht zu versinken. Nur ab und zu bohrt sich von ihrer Stirnlampe ein Streifen Licht durch den Wald. Ein schmaler, heller Strahl, der über Gräser, Moose, Flechten und Baumstämme wandert, manchmal vorbei an Schützengräben, die man hier übungshalber in den Waldboden scharrt. Es geht quer durch militärisches Sperrgebiet. Die Forscherin brauchte einen Stapel amtlicher Papiere mit den richtigen Stempeln, bis sie die offizielle Zutrittserlaubnis bekam. Wölfen ist der verbotene Status eines Gebietes egal, im Gegenteil, sie ziehen sich gerne in Gegenden zurück, in denen sie Ruhe vor dem Menschen haben. Hier, in der Nähe von Dlusko, hat man ihre Losung gefunden, wurden Tiere gesehen, die nur Wölfe sein können. Irgendwo dort im Dunkeln müssen sie sein, glaubt das halbe Dutzend Wolfssucher, das hinter Sabina Nowak durchs Gehölz schleicht. Studenten und Tierforscher aus Deutschland, Polen, eine ist sogar aus den Vereinigten Staaten angereist, um hier im polnischen Wald einmal mit den Wölfen zu heulen.

Mit dabei ist auch die deutsche Biologin Gesa Kluth. Sie koordiniert seit einem Jahr mit Sabina Nowak die deutsch-polnische Zusammenarbeit in Sachen Wölfe. Und hofft, dass bald auch in Deutschland der Wolf wieder öfter gesehen wird.