Weil seine Firma Boos Textile Elastics die Miederwarenindustrie mit Maschenstoffen beliefert, aus denen Höschen und Bodys, Tops und eben Büstenhalter gefertigt werden, kann Kader mit und von diesem Problem gut leben. Nicht nur, dass große Busen mehr Stoff erfordern. Kader: "Der Büstenhalter ist das komplizierteste aller Kleidungsstücke. Manche werden aus über 20 Einzelteilen genäht. Das Material muss in seinem Dehnungsverhalten absolut zuverlässig sein. Ein halber Zentimeter mehr oder weniger entscheidet über den Tragekomfort."

Kaum ein Industriezweig ist so kleinteilig ausdifferenziert und zerfällt in so viele Verarbeitungsstufen wie die Textilindustrie, weshalb seriöse Prognosen über das potenzielle Marktvolumen von High-Tech-Fasern kaum zu treffen sind. Doch ohne Frage gelten neue Stoffe als der Wachstumsmotor für die deutsche Textilindustrie, die im Jahr 1999 insgesamt rund 30 Milliarden Mark umgesetzt hat. So sieht es zumindest Stefan Mecheels vom Internationalen Textilforschungszentrum Hohenstein: "Die nächsten Jahre und Jahrzehnte werden einem Feuerwerk gleichkommen mit einer unglaublichen Vielzahl an textilen Innovationen. Die von vielen bereits totgesagte Textilindustrie wird zu neuen Höhenflügen ansetzen."

Deshalb schenkt Boos-Chef Kader der weiblichen Brust viel Aufmerksamkeit. Gerade hat er sich aus dem Internet die neuesten Informationen über den Smart Bra herausgefischt. Ein Elektroingenieur an der Universität von Kalifornien in Los Angeles entwickelt einen Halter, der das Wackeln der Brüste bremsen soll. Piezoelektronische Streifen im BH setzen die Bewegung des Busens in elektrische Energie um, die über einen Widerstand die BH-Träger strafft und so das Ganze stabilisiert. Der Fabrikant findet das hochinteressant.

Das kleine Familienunternehmen Boos - Kader ist der Ururenkel des Gründers - operiert im Zentrum eines der spannendsten Innovationsprozesse in Deutschland. Über zwei Jahrzehnte lang haben asiatische und osteuropäische Wettbewerber die Textil- und Bekleidungsindustrie hierzulande mit niedrigen Löhnen in eine tiefe Krise konkurriert. Pleiten und Arbeitsplatzabbau haben die mittelständische Branche - viele Firmen saßen am Niederrhein und in Ostwestfalen - arg gebeutelt. Große Chemiefaserhersteller wie Hoechst oder Bayer haben sich als heimische Vorlieferanten aus dem Geschäft weitgehend zurückgezogen. Etliche Mittelständler aber haben es geschafft, in Marktnischen zu überleben - so wie Boos. Sie arbeiten mit Hochdruck daran, "intelligente Textilien" zu entwickeln. Klassische Gewebe aus Kunstfasern, meist Polyester, werden durch neue Verfahren mit Zusatzfunktionen versehen. Sie können Strom leiten oder Gerüche aufnehmen, Körperfunktionen messen oder ihre Farbe verändern. Das Mikrofasergewebe Gore-Tex, das Wind und Feuchtigkeit abhält und dennoch atmungsaktiv ist, ist schon ein alter Hut. Heute reden Gewebehersteller und Konfektionäre von selbstreinigenden Anzügen, heizbaren Mänteln und singenden Sakkos. Oder von Teddybären, die erkältete Kinder heilen. Und das ist keine Spinnerei.

Eukalyptusduft fürs kranke Kind

Der Bär heißt Schröder und sitzt auf dem Laborschrank von Hans-Jürgen Buschmann im Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West in Krefeld. In den Kunstfaserpelz des Kuscheltieres sind jene ringförmigen Zuckermoleküle eingearbeitet, mit denen Buschmann der Textilindustrie gerade kräftig auf die Sprünge hilft: Cyclodextrine. Sie können Substanzen aufnehmen, die eine Abneigung gegen Wasser haben. Bär Schröder etwa lässt sich mit Duftstoffen tränken, die er abgibt, sobald er mit der Hautfeuchtigkeit einer streichelnden Hand in Berührung kommt. Der Bär kann deshalb einfach nur gut riechen. Oder eben Eukalyptusdämpfe abgeben, die verschnupften Kindern gut tun.

Cyclodextrine interessieren auch den mit Miederwaren befassten Boos-Chef Kader. Miederstoffe mit Parfüm zu laden, das erst beim Tragen aktiviert wird, liegt nahe. Genauso gut könnten Unterwäsche oder T-Shirts mit Salben getränkt werden, die Linderung bei Sonnenbrand verschaffen. Ein japanischer Hersteller bietet ein T-Shirt an, das Vitamin C an die Haut abgibt.