Die blaue Blume ist also nicht gemeint. Noch weniger die literaturhistorische Epoche, das Pendant in der Malerei oder sonst etwas, das nachgeschlagen werden kann. Warum müssen Lexika nur immer so definitorisch sein?

Sven Regener mag es lieber, wenn die Dinge unbestimmt bleiben. Wenn ein Bedeutungshof sich um das Wort Romantik öffnet, in dem man herumspazieren kann. Poesie ist nicht Abstraktion, sondern Alltag! Sie beginnt, wo die Begriffsränder ausfransen und der Blick aufs Detail trifft. Und selbst dann muss man genau hinsehen, um das Poetische darin zu erkennen, in dem "Typ da hinten am Tresen" zum Beispiel, "wie er da so sein Bier trinkt".

An Männern, die am Tresen stehen und Bier trinken, herrscht wahrlich kein Mangel in Regeners Welt. Auf Romantik, der mittlerweile zehnten CD seiner Band Element of Crime, sind sie so zahlreich vertreten, dass kein Platz für anderes Personal geblieben zu sein scheint. Wie bei Edward Hopper sieht man die Helden hinter den nächtlich erleuchteten Fenstern einer Bar stehen, in ihren Drink philosophieren und auf ein Wunder hoffen. Das meistens nicht passiert: "Alle vier Minuten kommt die U-Bahn hier vorbei, und alle dreieinhalb Minuten kommt ein neues Bier."

Natürlich regnet es unablässig in diesen stillen Blättern. Die Band spielt dazu ihre leicht besoffenen Rhythmen, und spätestens wenn das Sujet der unerfüllten Liebe sich hinzugesellt, fühlt man sich von früher her angeweht.

Es ist der Altberliner Kneipenblues, den Regeners, tja: rauchzarte Stimme heraufbeschwört. Kreuzberger Nächte und Schöneberger Abstürze revisited. Und doch ist auch Wiederkehr hier nur ein Wort. Die Heroik eines Mannes wie Sven Regener besteht im eisernen Durchhalten der Geste: 15 Jahre aus der Zeit gefallen - auch das dürfen wir unter "Romantik" verbuchen.

So richtig ins Weichbild der Epoche haben sie tatsächlich nie gepasst, die vier. Seit 1986 manövrieren Element of Crime sich in weitgehend stabiler Besetzung an Pop-Diskurs und gröberen Szene-Schrillitäten vorbei - zunächst als Sumpfblüten im Mauerbiotop, später als Wegbereiter des deutschen Rock-Chansons. Weißes Papier oder Damals hinterm Mond heißen Platten aus den Neunzigern - sprechende Titel für Zuhörer zwischen Wohngemeinschaft und Literaturseminar. Der berühmte John Cale hat eines ihrer frühen Werke produziert: Try to be Mensch, ein expressionistischer Schrei vor Berliner Brandmauern, doch zu Träumen von Wüste und Weite oder einer ernsthaften Verlegung der Handlung nach New York hat das nicht geführt, bloß zu immer weiteren Variationen des melancholischen Grundmotivs.

Dass ihr jüngstes Album erwartet wurde wie ein Jubiläum alter Bekannter, liegt an diesem Sinn für Kontinuitäten, aber auch an Herrn Lehmann. Seltsamer Schrat, der Herr Lehmann. Wer Platten von Element of Crime sein Eigen nennt, kann in dem Helden von Sven Regeners gleichnamigem ersten Roman auch nicht viel mehr erkennen als eine nunmehr literarisch formulierte Fantasie über das Phänomen des romantischen Verlierers: noch einer von der Sorte, die so sehr neben sich stehen, dass sie ihr eigenes Leben verpassen. Seit allerdings Marcel Reich-Ranicki beim Lesen von Herrn Lehmann gelacht und dies schallend im Literarischen Quartett kundgetan hat, klingelt eine andere Sorte Kulturschreiber bei Regener an: eine, die ihn siezt. Regener lädt die Herren Feuilletonisten dann ins Café Kloster, eine original Kreuzberger Trinkstätte, wo er zu verstehen gibt, dass "das Buch weggeht wie geschnitten Brot" - als könne er selbst noch nicht ganz an seinen Coup glauben.