Die Geschichte des Fußballs ist die Geschichte von glücklichen Umständen.

Im Prozess der Menschwerdung fielen unsere Ahnen von den Bäumen direkt auf die Füße, fanden Gefallen am aufrechten Gang und bekamen dadurch die Hände frei. Sie hätten gleich mit dem Handballspiel anfangen können. Stattdessen kam eine andere Sportart in Mode. Thomas Brussigs neueste Hauptfigur, ein ostdeutscher Fußballtrainer, erklärt uns die Vorherrschaft des Fußballs als Summe einfacher Regeln und komplexer Dramatik.

Die Geschichte des Fußballs ist auch eine Geschichte von Missverständnissen.

Zwar heißt es unter Balltretern prophetisch, die Wahrheit liege auf dem Platz. Ein Pyrrhussieg jedoch, den die DDR gegen die bundesdeutsche Auswahl im Kampf der Systeme zur Fußball-WM 1974 davontrug. Wenig später wurde das Ringen um die letztgültige gesellschaftstheoretische Wahrheit eingestellt: Der Osten checkte im Westen ein. Der nun fälligen Leibesvisitationen und Seelensichtungen nahm sich der Ostberliner Schriftsteller Thomas Brussig gern an: mit heiterem Blick, wohlwollend im Tonfall. Ein unbekümmerter Mediator im deutsch-deutschen Gefühlsstau. Sein Mittelchen für die werdende Gemeinschaft: Amüsement auf eigene Kosten beugt Verstocktheit vor.

In Leben bis Männer, dem Monolog eines namenlosen Fußballtrainers, stehen die Vorzeichen für ein vergnüglich-überzeichnetes Sittengemälde eigentlich nicht schlecht: Unser Mann, einst bei der BSG Tatkraft Börde am Ball, bis der "Meniskus im Eimer" war, spricht jedem echten Fan aus der Seele: Frauen beim Fußball? Verboten! Vielleicht zugucken, aber nicht einmischen. Denn Fußball ist eine Konstante der Männerwelt - wie schon der singende Berliner Frauenschwarm Space Kelly befand: "Frauen kommen und gehen / doch was mir bleibt, ist mein Verein." Dieser Trainer spielt uns den kleinbürgerlichen Wüterich, der Sport als letzte Instanz für die Durchsetzung von Recht und Ordnung versteht. Geschlossenheit, Disziplin und bloß keine "individualistischen Einlagen": Unterordnung ist Fußballers erste Bürgerpflicht. Hier leitet Brussigs Held sein schlichtes Erfolgsprinzip her: Er baut auf die Angst des Spielers vorm Versagen und bietet Hilfe in Form klarer Kommandos. Auf dem Tatkraft-Sportplatz weist der "Julius Cäsar der Seitenlinie" an. Ich brülle, also denke ich. Und was ich denke, das passiert auch.

Was Fußball (und Sport im Allgemeinen) ins Reich der Unfreiheit driften lässt, ist nach Adorno "nicht bloß der Drang, Gewalt anzutun, sondern auch der, selber zu parieren und zu leiden". Thomas Brussig statuiert an seiner Figur ein Exempel. Im gefühlskalten Brustton der Selbstgerechtigkeit lässt der Autor seinen Helden ins Abseits rasönieren, denn dort haben die Ressentiments eines Sozialkrüppels viel Platz. Über die Hochnäsigkeit der Engländer plaudert er, über "balkanesische Heimtücke" und "dunkeläugige Blutsvermischungen", über den "totalen Fußball" der Holländer und die Unmöglichkeit ihres "Endsieges".

Leben bis Männer hält Gericht über ein moralisch deformiertes Geschöpf, aber Brussig hat schon vor Beginn der Verhandlung seine Beobachterposition verlassen. Zynisch gibt er seinen Spieler preis. Selbst wenn er zum Ende hin ein wenig Ambivalenz wahren möchte, indem er seiner Figur aus der Tiefe des Strafraumes überraschend fundamentale Einsichten zuspielt - dieser Monolog bleibt ein Epilog auf eine haltlose Kreatur. Höchstens ostdeutsche Trainer dürfen sich beleidigt fühlen. Und die "Lehren aus der Geschichte"? Brussigs Trainer will damit nicht behelligt werden und sagt: "Schwamm drüber."