Bernd-Michael Kader hat auf Wachstum an der richtigen Stelle gesetzt.

"Die Brüste der deutschen Frauen sind in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden", sagt der Fabrikant elastischer Maschenstoffe aus Wuppertal, "wegen der Hormone in den Lebensmitteln und der Antibabypille. DD- oder E-Cups in Büstenhaltern waren vor 20 Jahren noch kaum vorstellbar. Das Busenwachstum ist ein erhebliches Problem."

Weil seine Firma Boos Textile Elastics die Miederwarenindustrie mit Maschenstoffen beliefert, aus denen Höschen und Bodys, Tops und eben Büstenhalter gefertigt werden, kann Kader mit und von diesem Problem gut leben. Nicht nur, dass große Busen mehr Stoff erfordern. Kader: "Der Büstenhalter ist das komplizierteste aller Kleidungsstücke. Manche werden aus über 20 Einzelteilen genäht. Das Material muss in seinem Dehnungsverhalten absolut zuverlässig sein. Ein halber Zentimeter mehr oder weniger entscheidet über den Tragekomfort."

Kaum ein Industriezweig ist so kleinteilig ausdifferenziert und zerfällt in so viele Verarbeitungsstufen wie die Textilindustrie, weshalb seriöse Prognosen über das potenzielle Marktvolumen von High-Tech-Fasern kaum zu treffen sind. Doch ohne Frage gelten neue Stoffe als der Wachstumsmotor für die deutsche Textilindustrie, die im Jahr 1999 insgesamt rund 30 Milliarden Mark umgesetzt hat. So sieht es zumindest Stefan Mecheels vom Internationalen Textilforschungszentrum Hohenstein: "Die nächsten Jahre und Jahrzehnte werden einem Feuerwerk gleichkommen mit einer unglaublichen Vielzahl an textilen Innovationen. Die von vielen bereits totgesagte Textilindustrie wird zu neuen Höhenflügen ansetzen."

Deshalb schenkt Boos-Chef Kader der weiblichen Brust viel Aufmerksamkeit.

Gerade hat er sich aus dem Internet die neuesten Informationen über den Smart Bra herausgefischt. Ein Elektroingenieur an der Universität von Kalifornien in Los Angeles entwickelt einen Halter, der das Wackeln der Brüste bremsen soll. Piezoelektronische Streifen im BH setzen die Bewegung des Busens in elektrische Energie um, die über einen Widerstand die BH-Träger strafft und so das Ganze stabilisiert. Der Fabrikant findet das hochinteressant.

Das kleine Familienunternehmen Boos - Kader ist der Ururenkel des Gründers - operiert im Zentrum eines der spannendsten Innovationsprozesse in Deutschland. Über zwei Jahrzehnte lang haben asiatische und osteuropäische Wettbewerber die Textil- und Bekleidungsindustrie hierzulande mit niedrigen Löhnen in eine tiefe Krise konkurriert. Pleiten und Arbeitsplatzabbau haben die mittelständische Branche - viele Firmen saßen am Niederrhein und in Ostwestfalen - arg gebeutelt. Große Chemiefaserhersteller wie Hoechst oder Bayer haben sich als heimische Vorlieferanten aus dem Geschäft weitgehend zurückgezogen. Etliche Mittelständler aber haben es geschafft, in Marktnischen zu überleben - so wie Boos. Sie arbeiten mit Hochdruck daran, "intelligente Textilien" zu entwickeln. Klassische Gewebe aus Kunstfasern, meist Polyester, werden durch neue Verfahren mit Zusatzfunktionen versehen.