Wenn er auf Reisen geht, ist es wie fast immer in den vergangenen zehn Jahren: Jürgen Weber steigt in das Flugzeug und biegt erst einmal nach links ab: ins Cockpit. An diesem Tag steht Weber vor einem 24-jährigen Copiloten, der gerade erst seine Ausbildung hinter sich gebracht hat. Dessen Traum, auch einmal Pilot zu werden, könnte freilich platzen. Weber hat angedroht, Mitarbeitern in der Probezeit zu kündigen, wenn es nicht schnell eine Einigung mit den Gewerkschaften über Kostensenkungen gibt. "Ich will auch nicht, dass wir Ihnen kündigen müssen", sagt der Vostandschef der Lufthansa zu dem jungen Mann. Aber die Vereinigung Cockpit, die Gewerkschaft der Piloten, müsse schon ein wenig nachgeben.

Im Flugzeug sofort nach vorne zu gehen ist praktisch tägliches Ritual für Jürgen Weber. Er sucht Kontakt zu den Mitarbeitern, will reden über das, was ansteht bei der Lufthansa. Und gerade in diesen Zeiten steht viel an: Die zweitgrößte europäische Fluggesellschaft steckt in ihrer schwersten Krise seit der Beinahepleite von 1991/92. Weber, der große Sanierer, muss im allerletzten Abschnitt seiner Karriere zeigen, ob es ihm ein zweites Mal gelingt, die Lufthansa so umzukrempeln, dass sie gestärkt aus der Krise hervorgeht. Weber wird irgendwann im Laufe des Jahres 2003 in Ruhestand gehen, die Zeit bis dahin ist knapp, die Probleme sind riesengroß.

Erst am Vormittag hat er die versammelten Partygäste am Münchner Flughafen geschockt. Weber war zum Richtfest des Terminals 2 gekommen, das die Lufthansa gemeinsam mit der Flughafen München Gesellschaft (FMG) baut. Er berichtet von 30 000 Passagieren, die pro Tag fehlen, und einem wöchentlichen Einnahmeausfall von 100 Millionen Mark. Fast bleiben den Gästen Brez'n und Obazda im Hals stecken, bei so vielen schlechten Nachrichten. Doch "auch und gerade in dieser Zeit" sei Zuversicht angesagt, zumindest für die Lufthansa, sagt Weber. Die schwächsten Unternehmen der gebeutelten Flugbranche seien nach dem 11. September sofort Pleite gegangen. Die Lufthansa dagegen werde besser gewappnet sein, wenn es wieder aufwärts gehe.

Zukunftsmusik. Für den Moment darf es schon als Erfolgsmeldung gelten, dass die Passagierzahlen nicht noch schlechter geworden sind, sondern sich auf kläglichem Niveau konstant halten. Die schmissige Bayernhymne beim Richtfest und ein singender CSU-Finanzminister Kurt Faltlhauser können darüber nicht hinwegtrösten. Die Realität dagegen sieht so grau aus wie der Münchner Himmel am Montag.

Weitere 4000 Jobs weg?

Seit Wochen verhandeln Weber und seine Kollegen mit den Gewerkschaften darüber, wie sie die Kosten um die 15 bis 20 Prozent senken können, um die auch die Einnahmen gesunken sind. Seit dem Beginn der Krise hat die Lufthansa schon 7500 Stellen abgebaut, ohne dass dies groß Aufsehen erregt hätte. 5000 davon entfallen auf die Catering-Tochter LSG SkyChefs, 2500 weitere verteilen sich über den Rest des Konzerns. Damit ist es aber noch nicht getan. Im Jahr 2002 muss der Konzern noch rund 350 Millionen Euro Personalkosten einsparen.

Seit der Vorstand in der vergangenen Woche beschlossen hat, notfalls mit betriebsbedingten Kündigungen ernst zu machen, kursiert die Zahl von bis zu 4000 zusätzlichen Stellen, die auf der Kippe stehen. Das erste Mal seit der Sanierung vor zehn Jahren stehen konzernweit Massenentlassungen zur Debatte.