Die Zeichen stehen auf Unwetter. Erstmals seit vier Jahren wird der deutsche Mittelstand 2001 wieder mehr Stellen streichen als schaffen. Die Zahl der Pleiten in seinen Reihen kletterte im ersten Halbjahr auf 15 500 - ein Fünftel mehr als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Besserung ist nicht in Sicht. Rund 40 Prozent der kleinen und mittelgroßen Betriebe im Lande beklagen eine schlechte Auftragslage.

So weit die Vergangenheit laut einer Studie der Creditreform. Sie ist nichts im Vergleich zu dem, was dem deutschen Mittelstand, diesem Konglomerat vom Handwerksbetrieb bis zum Maschinenbauer, bevorsteht. Egal, ob klein oder mittelgroß: Den Unternehmen droht Ungemach gleich von zwei Seiten.

Erstens hat der Gesetzgeber still und leise das Zivilrecht geändert - nun müssen die Unternehmen hohe Haftungsrisiken eingehen. Mit einem Schaden von "mehreren Milliarden Mark" rechnet Sonja Kühne von der Deutschen Gesellschaft für Mittelstandsberatung (DGM) in München. Viele Chefs wissen bislang nicht einmal, was sie in den nächsten Wochen unternehmen müssten, um nicht in juristische Fallen zu tappen. Zweitens müssen etliche Betriebe aufgrund der Reform des Bankensystems fürchten, keine Kredite mehr zu erhalten - oder zumindest deutlich höhere Zinsen zu zahlen. Das aber könnte vielen schon angeschlagenen Mittelständlern den finalen Stoß versetzen.

Damit aber droht das Rückgrat der deutschen Wirtschaft zu brechen. Für deren Verfassung ist der Mittelstand viel bedeutender als die wenigen Konzerne. So machen die kleinen und mittelgroßen Betriebe nicht nur die Mehrzahl aller Unternehmen in Deutschland aus. Zusammen bieten sie zudem die meisten Waren und Dienstleistungen an - und stellen mehr als zwei Drittel aller Arbeitsplätze. Die meisten der Betriebe haben weniger als 20 Mitarbeiter - und keine große Lobby. Oft spielt sich das Leid der Kleinen im Verborgenen ab, während die Krise der Konzerne meist schon durch einen Blick auf deren Aktienkurse erkennbar wird. Kaum jemand erfährt von Schicksalen wie dem des 73-jährigen Diplomingenieurs, der jeden Sonntag in seinem Wohnzimmer sitzt und die Bestellungen für die nächste Woche plant - weil er unsicher ist, ob er einen professionellen Einkäufer bezahlen kann. Sein kleiner Metallbetrieb mit weniger als zehn Mitarbeitern pendelt zwischen Sein und Nichtsein.

Und jetzt auch noch das.

Wenig Zeit für viel Wandel

Mitte November hat der Bundesrat unter dem Stichwort "Schuldrechtsreform" eine umfassende Änderung des deutschen Zivilrechts abgesegnet, die bis zuletzt umstritten war. Im Ergebnis werden die vertraglichen Beziehungen zwischen Herstellern, Händlern und Kunden neu geregelt, und die Position der Verbraucher wird gestärkt. Schon im neuen Jahr gilt das neue Recht. "Das Problem ist, dass die Schuldrechtsreform gleichzeitig mit dem Euro kommt, denn der ist das dominierende Thema", sagt Kühne. Für die zur Deutschen Bank gehörende DGM hat sie die wirtschaftlichen Konsequenzen der Rechtsreform untersucht. Ihre Schlussfolgerung: Der Mittelstand ist angesichts des hohen Zeitdrucks besonders hart getroffen. "Kleine und mittlere Unternehmen haben oft gar keine Rechtsabteilung, die sie auf die Folgen hinweist", sagt Kühne.