Erschöpfung in der Verständigung zwischen Geist und Natur: So lautet gegenwärtig der Stand in der Bildungsdebatte um die "zwei Kulturen", um Geistes- und Naturwissenschaften. Erstere sind mit der Abwehr einer feindlichen Übernahme durch Letztere hinlänglich beschäftigt (und mit Selbstkritik obendrein). Letztere sind vor lauter umsatzträchtigen Revolutionen gut im Geschäft, auch wenn vielen Wissenschaftlern dabei gar nicht wohl ist und die Grundlagenforschung gegenüber dem anwendbaren Wissen den Kürzeren zieht. Der Schulunterricht in den hard sciences ist kaum angetan, empfindsame Seelen für die Ergründung der Natur zu begeistern, und wie sich die traditionellen Bildungsgüter - Geschichte, Kunst, Philosophie, Literatur - in die multimediale Gegenwart retten lassen, ist den meisten ein Rätsel. Was zu pluralem Weiterwursteln führt und manchmal zu einer guten Idee.

Der vielleicht bewegendste Versuch zur Vermittlung liegt schon 200 Jahre zurück, und an der Ernüchterung, die seither die Runde machte, kommt so leicht keiner vorbei. Zwei ehrenwerte Ideen erlitten gemeinsamen Schiffbruch: erstens Wilhelm von Humboldts Idee einer freien Wissenschaft, die (in der Universität!) zu verteidigen wäre gegen die Abgründe ihrer Nutzung und zweitens die Idee seines Bruders Alexander und Goethes, naturwissenschaftliche Erkenntnis als Schwester der Kunst und des Schönen zu verstehen. Das waren um 1800 die Entwürfe eines groß angelegten Kulturschutzes, die in der deutschen Tradition eine würdige Alternative zur ausgebliebenen Revolution darstellen sollten. Doch die hat der ubiquitäre Verwertungsgedanke der Industriegesellschaft gründlich von uns entfernt, in die historischen Bestände sortiert.

Der Bildung ging es kaum besser: der Bildung, der deutschen, der unübersetzbaren Alternative zur education, die eben nicht nur Erziehung und Ausbildung sein sollte, sondern die Veredelung von Seele und Persönlichkeit meinte, wenn schon aus gleichen politischen Rechten so schnell nichts werden sollte. Irgendwann vermochte kaum einer mehr den Unterschied zwischen Bildung, Wissen und Information zu buchstabieren, so wie kaum einer noch die Wissenschaft aus dem Klammergriff von Industrie, Interesse und Macht lösen konnte. Oder wollte.

Die Arbeitsteilung von Natur- und Geisteswissenschaften war besiegelt: für die einen die Tatsachen, für die anderen das Erleben, die Symbole, deren Deutung und den meist nur nachsorgenden ethischen Wischlappen für die einen, sobald sie anwendbar scheinen, viel Geld und das Argument der Nützlichkeit, für die anderen das Legitimationsproblem. Und selbst die Anstrengung der Erinnerung an jene kurze Zeit des Kulturschutzes um 1800 wurde zum knappen Gut. Die aufgeklärte Intuition sagt nun: Gute Idee, nicht viel draus geworden.

Jetzt gibt es ein Buch, das lässt einen nicht los, weil es der Intuition widerspricht: Die andere Bildung, verfasst vom Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer, der als Physiker und Biologe in seinen Büchern immer wieder darauf bestand, dass Naturwissenschaften anderes sein können und müssen als nützlich. Da hat das neue Paradigma der Lebenwissenschaften dem hässlichen, unnützen Entlein namens Humanwissenschaften den Rang abgelaufen, da plant die DFG, an den Druckkostenzuschüssen für geisteswissenschaftliche Doktorarbeiten zu sparen, da scheinen die Machtkämpfe entschieden - und in ebendem Moment tritt einer auf und sagt: Was uns fehlt, ist naturwissenschaftliche Bildung. Eine andere Bildung. Keine, die sich nach Quantifizierbarkeit richtete und einen Kanon umfasste. Nicht Wissen also, nicht Information. Sondern Bildung, für alle. Im Sinne des public understanding of science, aber diesmal nicht als Werbemaschine, die Zustimmung zu fragwürdigen Praktiken schaffen soll.

"Anders" heißt diese Bildung bei Fischer zum einen, weil sie den Kanon des Anglisten Schwanitz in Zweifel zieht, dessen Bestseller Bildung "alles, was man wissen muss", zusammentrug, ohne die Naturwissenschaften eines näheren Blickes zu würdigen zum Zweiten, weil Fischers Bildung zum objektivierbaren Formelwissen Abstand hält. In diesem Buch kann man also nicht unter "Darwin" nachschlagen oder unter "Genom", um schnell eine Bildungslücke zu stopfen.

Stattdessen bekommt man einen Reigen von thematisch strukturierten Erzählungen zu lesen, die diesen Namen verdienen, obwohl sie dem Laien den Stand der Wissenschaften zumuten und zutrauen.