Es waren die Bilder, die den Prozess gegen Stefan Jahn zum Prozess des Jahres gemacht haben. In enger Folge. Das Fahrrad im Schnee. Gefunden noch am 22. Februar, dem Tag der Entführung in Finow, Eberswalde, 400 Meter vom Haus der Eltern. Dann das Mädchen, blond, stupsnäsig, ein Foto scheinbar bei jedem Bericht über die kleine Ulrike so nötig wie das Beiwort die kleine. Dann die Bilder der Suche. Eine Suche mit 2800 Polizisten, stochernd im Unterholz, mit Hunden, Hubschraubern und Bundeswehr-Tornados. Vierzehn Tage lang, dann wird die Leiche im Wald entdeckt. Keine drei Wochen später die Überführung des Täters anhand eines Fingerabdrucks, die dem Grauen das ersehnte Gesicht gibt: ein flächiges, fülliges Gesicht. Stefan Jahn, 25 Jahre, aus der Gegend, Sozialhilfeempfänger und vorbestrafter Autodieb. Ein Klotz. Ein Kind. Ein kindlicher Riese, schüchtern und linkisch, wie Gert Fröbe ihn spielt in Es geschah am hellichten Tag.

Der Kanzler, instinktsicher, meldete sich zu Wort. Wegschließen, und zwar für immer! Sexualtäter seien nicht therapierbar. Die Vertretung der Eltern, im Prozess Nebenkläger, übernahm Gregor Gysi. Das Bemühen, die Ursachen für solche Verbrechen in der Gesellschaft zu suchen, wird der Sozialist in seinem Plädoyer sagen, sei nie besonders erfolgreich.

Man mochte an einen anderen Prozess denken, der im Vorfeld nicht weniger Aufmerksamkeit auf sich zog - vor mehr als 30 Jahren. Der Prozess gegen den Kindermörder Jürgen Bartsch, 1968 zum Jahrhundertprozess ausgerufen. Die Journalistin Ulrike Meinhof, die damals über den Prozess schrieb, kritisierte das Gericht, nicht zum Gegenstand gemacht zu haben, was an der Entwicklung des Jungen Pate gestanden habe: Armut, Heimeinweisung und Prügelpädagogik, mit einem Wort, die Verhältnisse.

Auch die Eltern des ermordeten Kindes wollen von den Verhältnissen nichts wissen. Wie sollten sie auch. Das rechtfertigt nicht, sagt die Mutter vor dem Prozess, was er Rike angetan hat.

Sie springen nicht über die orangefarbene Kordel, die quer durch den Saal läuft, kniehoch, in der Mitte um zwei Beine des Zeugentischs herum. Sie laufen nicht hin, sie tun ihm nichts. Sie springen nicht einmal auf, wenn sie wieder und wieder hören, was er dem Kind getan hat. Sie bleiben sitzen. An fünfzehn Tagen, von früh bis spät, über eine Zeit von beinah sechs Wochen.

Morgens um 9.15 Uhr, wenn der Prozess beginnt, setzen sich die Eltern an ihren Platz, links hinten. Der Mörder tritt ein, in Handschellen und Fußfesseln, geleitet von drei Justizbeamten. Er setzt sich an seinen Platz, vorn rechts. In beiden Ecken Geflüster mit den Anwälten. Es könnte ein Ring sein. Doch die Gegner bewegen sich nicht heraus aus den Ecken. Es ist kein Kampf, sondern ein rechtsstaatliches Verfahren, und in der Mitte wird nicht geschlagen, sondern erzählt. Aber das ist oft kein Unterschied.

Was geschehen ist, ungefähr, wissen die Eltern schon aus den Akten. Die fünf Leitz-Ordner haben sie gründlich studiert. Doch vor Gericht herrscht das Prinzip der Mündlichkeit. Also rekonstruieren die Gerichtsmediziner anhand jeder Weitung und jedes Risses, anhand von Blut, Sperma und Kot noch einmal alle Qualen, geben Polizeibeamte, ein ermittelnder Staatsanwalt und eine Ermittlungsrichterin die Vernehmungen wieder, wird dann für den psychiatrischen Gutachter, der an einem Tag fehlt, alles wiederholt, malen Staatsanwaltschaft und Nebenklage in ihren Plädoyers noch einmal Vergewaltigung und Mord aus, tut es schließlich die Richterin im Urteil, chronologisch, präzis, nochmals zwei Stunden lang.