So sehen die Sätze in Die Feigheit der Fische aus: "Halb vier am Nachmittag, ich saß vor dem Fernseher, CNN, die NATO-Sprecher gaben die Erfolgsbilanz bekannt. Ein General zeigte mit dem Stock auf taktische Karten und Zerstörungsdiagramme. Es wurden Bilder aus Cockpitkameras vorgeführt und Filmsequenzen, die von Laserbomben aufgenommen worden waren. Ich zog mir die Strickjacke an." Mag sein, dass "Strickjacke" nicht zu den anderen Wörtern hier passt, doch eigentlich liegt der Fall beinahe umgekehrt: Kaum eines der anderen Wörter passt zu dem, was man stilistisch von Ingo Schramm bisher kannte. Von Fitschers Blau (1996) über Aprilmechanik (1997) bis Entzweigesperrt (1998) hatte sich die Vorstellung etabliert, Schramm schreibe einen mal pathetischen, mal hypermanierierten Spätexpressionismus.

"Innerlich", "lyrisch", ähnlich wie einige verwandte Kollegen aus der Ex-DDR.

Gegenwartsvergessene Beschwörungen einer Sprache, die noch nie jemand gesprochen hatte, die vermutlich nie jemand sprechen wird. Eben Kunst.

Der eine Schriftsteller arbeitet kontinuierlich an seinem Stil

der andere versucht sich in jedem Buch neu zu definieren. Aber ein Neuanfang nach drei Büchern, wie ihn Ingo Schramm jetzt versucht, das ist schon beinahe ein zweites Debüt: Lapidar, trocken, konventionell, all die Vokabeln für einen realistischen Stil amerikanischer Prägung, sie treffen auf jeden einzelnen Satz der Feigheit der Fische zu. Und das Bemühen, diese "andere" Sprache zu schreiben, wird ganz konsequent ergänzt durch einen neuen Blick. Er ist nicht mehr hauptsächlich ins Innere der Figuren gerichtet, spricht nicht mehr aus ihnen heraus, er benutzt sie, wie andere jüngere Autoren, eher als Akteure in einem Handlungsspiel.

Der Stilwechsel ist dem Schriftsteller nicht einfach so passiert. In der Ausgabe 10 der Münchner Literaturzeitschrift Torso gibt Schramm im Interview ein paar Gründe an. Der erste klingt wie aus dem Programm der Bundesregierung: "Die Nachkriegszeit" sei "abgeschlossen". Deshalb, so Schramm, scheine ihm seine "frühere Schreibweise", die er selber "in der Tradition der klassischen Moderne" verortet, "nicht mehr angemessen", eine "erfrischte, neue Form des Erzählens" sei an der Zeit.

Das Schlüsselerlebnis war der Besuch einer Autorenwerkstatt der Konrad-Adenauer-Stiftung am Comer See, auf welcher der "Geist des Erhabenen" beschworen wurde