Als Kinder, im Windschatten der Pubertät, spielten wir gelegentlich dieses Spiel. Es ging darum, einander Automarken zuzuordnen, gewissermaßen als Persönlichkeitsprofil. Man schrieb ein Fahrzeugmodell auf einen Zettel, und die Gruppe musste raten, welcher der Mitspieler gemeint sein könnte. Wie die meisten Kinderspiele folgte auch dieses sehr subtilen Regeln des psychosozialen Nahkampfes.

Wer beispielsweise Mitspieler demütigen wollte, der nannte sie Ford Escort oder Opel Ascona. Die Jungen, wollten sie sich gegenseitiger Hochachtung versichern, erhoben sich in den Stand der neuesten Produkte aus dem Hause Mercedes, bisweilen durfte es auch ein BMW sein. Wer das Intellektuelle pointieren wollte, notierte den berühmten Ro 80 von Audi NSU, wer das Freigeistig-Rustikale betonen wollte, entschied sich für Volvo. Für die Leistungssportler war Porsche gesetzt.

Bei den weiblichen Teilnehmern in der Runde begann in dieser Phase des Heranwachsens gerade jener atemberaubende Überholvorgang, der die männlichen Altersgenossen nicht nur körperlich auf die Standspur verweist. Dies zeigte sich auch bei dem Autospiel. Als Mini, Ente oder Käfer charakterisierten sich auf ihren Zetteln die Mädchen gegenseitig und dokumentierten damit ihre restlose Verachtung gegenüber dem biederen, PS-fixierten männlichen Rest.

Kichernd gingen sie während des Spiels gemeinsam zur Toilette, trugen PLO-Tücher, planten Interrail-Urlaube nach Amsterdam, schrieben sich selbst Entschuldigungen für versäumte Schulstunden und verliebten sich bald in wesentlich ältere Studenten. Kurz darauf sollten sie an Spielen dieser Art kein Interesse mehr haben und auch sonst aus unserem Blickfeld verschwinden.

Vorübergehend.

Es gab in der Tat nur eine einzige Formel, mit der es gelingen konnte, diese beiden auseinander strebenden Welten für einen kurzen Moment noch zu versöhnen. Die Formel hatte einen Namen: Saab. Kaum einer von uns hatte je einen Saab gesehen, keiner konnte mit einem Saab der Eltern prahlen. Und doch wusste man irgendwie genau: Der Saab-Typus hatte etwas Unangreifbares, etwas Elegantes, Kraftvolles, trotzdem Dezentes.

Hätten wir die Worte und Welten da schon gekannt, wären wir auch damals sicher gewesen: Der Saab war der beruflich erfolgreiche Hedonist, der Saab war Ehepartner und Affäre zugleich. Eine Mischung aus Alain Delon, Rudolph Giuliani und ein bisschen Uli Wickert. Ein toller Typ jedenfalls, vielleicht im Zweifel doch weiblich, sensibel und doch durchsetzungsfähig, eine Kreuzung zwischen Nastassja Kinski, Petra Kelly und Madeleine Albright. Jedenfalls niemals geeignet, unter das gleichmachende Joch von Generationen-Forschern zu geraten: ein Traum.