Es gibt Bücher, die sind wie Tunnel, die saugen uns ein, ohne auch nur mit dem Versprechen locken zu müssen, dass es gegen Ende des Dunkels ein wenig heller wird, weshalb sie uns zum Schluss wie benommen zurücklassen und Beschwerden abweisen: Lesen ist freiwillig, oder?

Der Roman Das Versteck von Trezza Azzopardi ist so ein Buch. Nach der Lektüre kann sich fassungslose Stille ausbreiten. So ist es in Deutschland geschehen, wo dieses Debüt einer Waliser Autorin kaum diskutiert wurde, während es in Großbritannien ansatzlos den Sprung auf die Shortlist des großen Booker Prize' schaffte und auch für den Guardian First Book Award gehandelt wurde und sich im Nu in die halbe Welt verkaufte. Es ist die Geschichte einer Kindheit, ein Bericht von einem Leben im Alarmzustand, es sind Erinnerungen einer Frau an jene Zeit, als sie ein fünfjähriges Mädchen war. Kindlich anmutendes Geblubber aus Straßennamen und Personennamen. Bildfetzen. Eine Kakophonie von Tönen wie Lass-das und Issjetzt, im Schlaf gemurmelte Namen, abgebrochene Wünsche. Erinnerung ist ein Herzschlag, der holpert.

Vergangenheit ist ein Schweißfilm aus Angst. Oder riecht es, an diesem familiären Tatort, doch einfach nur nach Kinderpipi in den Matratzen und erkaltetem Feuer?

Sechs verwahrloste Kinder in einem Haus am Ende einer dreckigen Sackgasse in Cardiff. Wir sind in den sechziger Jahren, auf dem Asphalt flattert Pommes-Papier zwischen Glasscherben, die Häuser warten auf die Abrissbirne.

Ein Vater, ehemaliger Seemann, eingewandert aus dem heißen Malta, einer, der in der Kälte das Glück im Spiel sucht. Eine Mutter, die all ihr Glück verliert - die eine Tochter an einen Mafioso, sich selbst an den Schuldeneintreiber, eine andere Tochter an ein Fürsorgeheim, den Verstand an die Verzweiflung. Sie schleppt ihr Jüngstes zum Bahndamm, aber das Bedrohliche liegt für dieses Kind nicht darin, den Kopf der Mutter auf den Schienen zu sehen, sondern in der Schönheit eines Morgens, dem Funkeln von Sonnenlicht auf den Fenstern, in einem Himmel, der aufglänzt. Wenn der Schrecken mitten im Schönen zuschlägt, tut es am meisten weh.

Celesta, Rosaria, Francesca, Luca, Marina, Dolores heißen die Schwestern. Als die Mutter tot ist, treffen sich die Töchter zu ihrer Beerdigung, dies ist der Rahmen der Handlung. Ein paar erwachsene Frauen im Haus ihrer Kindheit, und "die Zeit fängt an, sich zu öffnen". Schon ist es zu spät, die Augen zu schließen, unaufhaltsam, in zwanghaften immer neuen Ansätzen, mit Sprüngen vor und zurück, trudelt das Erzählte in die Vergangeneit, auf ein Geheimnis zu, das die Töchter nicht wissen wollen.

Die neue englischsprachige Literatur konfrontiert uns gerne hart mit Wirklichkeiten. Eine taubendreckverschmierte Einfahrt zu einer koscheren Halal-Fleischerei in London, darauf ein Auto mit einem pakistanischen Selbstmörder - so beginnt Zähne zeigen von Zadie Smith, Cambridge-Absolventin mit Rastalocken, ein fetter, ausufernder, maßloser Roman (Droemer Verlag).