die zeit: Der Titel der neuen Ausstellung lautet Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Das ist relativ nah am Titel der alten Ausstellung. Damit könnte der Eindruck erweckt werden, dass die alte Ausstellung nur in einem anderen Gewand präsentiert werden soll. Was ist neu?

Ulrike Jureit: Die zweite Ausstellung hat einen ähnlichen Titel wie die erste, weil sie die gleiche These vertritt: dass die Wehrmacht als Institution und in Teilen ihrer Gliederungen an Kriegsverbrechen teilgenommen hat. Ausgangspunkt ist diesmal das damals geltende Kriegs- und Völkerrecht, damit konfrontiert werden die verbrecherischen Kriegsplanungen, die vor dem 22. Juni 1941 fixiert wurden. Durch sie wurde bereits vor Beginn des Überfalls der besondere Charakter des Krieges gegen die Sowjetunion als Rassen- und Vernichtungskrieg festgelegt.

Es gibt sechs Themenbereiche, in denen wir zeigen, wie diese Planungen umgesetzt wurden. Diese Bereiche betreffen die Ermordung der sowjetischen Juden, das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, die Verbrechen, die im Zuge des Partisanenkrieges verübt wurden, das, was wir "Ernährungskrieg" nennen, also die Hungerpolitik in Teilen der besetzten Sowjetunion, aber auch die Deportation von Zwangsarbeitern und als Letztes die Repressalien und Geiselerschießungen am Beispiel der Kriegsschauplätze in Südosteuropa.

zeit: Die alte Ausstellung setzte auf Schock und Provokation. Worauf setzt die neue?

Jureit: Sie setzt vor allem auf Differenzierung. Auch die erste Ausstellung war keine Fotoausstellung, ist aber immer als eine solche wahrgenommen worden. Diesen Eindruck wird man in der zweiten nicht haben, es gibt deutlich weniger Fotos. Das neue Konzept möchte den Besucher in die Lage versetzen, sich über das, was historisch geschehen ist, auch selbst eine Meinung zu bilden.

zeit: Die Kritik an der alten Ausstellung hat sich vor allem entzündet an dem unreflektierten bis schlampigen Umgang mit Fotos. Was haben Sie unternommen, um mögliche Fehlerquellen auszuschalten?

Jureit: Wir haben Fotos genauso als Quellen benutzt, wie wir auch schriftliche Dokumente benutzen. Das heißt, wir haben recherchiert, was wir über diese Fotos erfahren können, über ihre Überlieferung, ihre Archivierung, ob es möglicherweise Originale gibt, wer sie fotografiert hat, wie sie in das jeweilige Archiv gekommen sind, wo wir sie gefunden haben. Wir haben uns also bemüht, die Fotos quellenkritisch zu befragen und nicht dem ersten Impuls nachzugeben und zu meinen, wenn man ein Foto betrachtet, sei man gewissermaßen Augenzeuge des abgebildeten Geschehens.