Nur die Ruhe, sagte der Leichenbestatter, gab mir das Schäufelchen und wies auf das Erdloch. Da kommen's auch noch hin. Ich schaute ihn betreten an. Er war ein echter Pompfineberer, wie man die Totengräber hier nennt. Wir standen auf dem Wiener Zentralfriedhof. Den Toten kannte ich nicht. Ich war zufällig in diese Beerdigung geraten. Aber schließlich warf ich die Erde hinunter und gab ihm die zwanzig Schilling, die er an jedem Trauergast verdient. Das Erste, was mir in Wien in die Hände gefallen war, waren die Wiener Friedhofsführer.

Ich las also, die Körper der österreichischen Kaiser und Kaiserinnen würden von den Herzen getrennt und diese noch mal von den Eingeweiden gesondert aufbewahrt. Sie ruhen in silbernen Döschen, die über verschiedene Gruften der Stadt verstreut sind, und wurden seit Kaiser Ferdinand II. in pharaonischer Reminiszenz zur allgemeinen Verehrung freigegeben.

Eine Freundin zeigte mir neulich ein Foto. Auf dem Foto saß sie neben Thomas Brasch und rauchte. Da sah er noch richtig gut aus, sagte sie. Ich kannte Brasch nicht, aber ich nickte. Er war auf dem Foto unversehrt. Das Foto wirkte etwa so, wie Lenin auf mich gewirkt hatte, als ich ihn als Schülerin unter künstlichem Mausoleumslicht liegen sah. Ich hatte sein Gesicht als Abbild dessen wahrgenommen, wie er gelebt hat. Aber seit ich diesen Friedhofsführer lese, bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht lag da nur eine luftgefüllte Lenin-Hülle, und Lenin war längst in kleinen Portionen durchs Land verschickt worden wie jetzt beispielsweise George Washingtons dritte Zähne. Das wäre nichts Neues: Trüge man die Körperteile der Heiligen aus sämtlichen katholischen Kirchen zusammen, ergäbe das am Ende doppelt so viele Heilige. Ich frage mich nur, ob der Pompfinebere weiß, dass sich sein zuversichtliches Versprechen mit nichts rechtfertigen lässt. Oder ob er trotzdem daran festhält. Ist doch so ein unzerstörbarer Glaube, dass abschließend, endgültig, gestorben werden kann, viel wert

vielleicht steigt demnächst die Zahl der zufälligen Trauergäste. Ein geschnitzter Sarg, bezahlt von der Sterbeversicherung, in die schon seit unserer Geburt eingezahlt worden ist, versiegelt von einer beruhigend laut polternden Schaufel Erde

wer will das nicht? Ich anerkenne keinen Tod, lässt sich mit Canetti trotzig dagegenhalten.

Und auf den Fluchtwegen der Taliban liegen die Körper in der glühenden Sonne wie frisch geschnittenes Gras. Ein Amateurvideofilmer zoomte einen der Toten aus der Menge heraus. In seinem Gesicht saß ein Falter. Auf den Flügeln sah man eine Strichzeichnung wie von den Fasern der Herzmuskulatur des Toten. Als man ihn wegräumte, fiel der Falter herunter. Vielleicht war es auch nur der Straßenstaub. Und natürlich ahne ich längst, wie es um Osama bin Laden bestellt ist! Man wird ihn nicht finden. Jedenfalls nicht den ganzen Mann.

Seine Hülle mag irgendwo auf den Fluchtwegen der Taliban liegen geblieben sein. Ansonsten ist er überall auf der Welt, hübsch abgepackt in silbernen Döschen.