Teheran

Es ist der erste Freitag im heiligen Monat Ramadan. Wir gehen durch menschenleere, regennasse Straßen. In die Jahre gekommene Bassidsch-Milizionäre mit ihren speckigen Parkas haben alle Zufahrten zur Universität durch Seile abgesperrt. Ein älterer Herr mit feinen Zügen und gelben, lückenhaften Zähnen strebt an uns vorbei, stutzt, wendet sich um: "Vierzig Jahre lang habe ich für die Briten gearbeitet. Warum attackiert ihr Christen und Juden uns ständig? Der Islam ist eine friedliche Religion." Dann strahlt er uns durch seine dicken Brillengläser unvermittelt an: "Allah segne Sie!" Und eilt weiter.

Freitagsgebet in Teheran. Vielleicht ist Haschemi Rafsandschani ein wenig schmaler geworden, seine Stimme etwas weicher. Vor 14 Jahren haben wir den gewieftesten aller iranischen Politiker, den ehemaligen Parlaments- und Staatspräsidenten, hier in der Universität schon einmal reden gehört. Damals, im letzten Jahr der "heiligen Verteidigung" des Landes, des achtjährigen Krieges gegen den Irak, stützte sich der Prediger Rafsandschani noch theatralisch auf ein Schnellfeuergewehr. Das Gewehr ist verschwunden. Aber jener bärtige Kriegsveteran im grauen Drillich mit den beiden Pistolenhalftern, stand er nicht damals schon vor der Rednertribüne?

Vor Rafsandschani hat in den ersten Reihen die Prominenz der Islamischen Republik Platz genommen: Minister, Abgeordnete, die hohe Geistlichkeit verharren in stiller Würde. Hinter ihnen, durch Seile abgetrennt, die Menge.

Entzückt springt sie beim Erscheinen Rafsandschanis auf: "Haschemi! Haschemi!

Haschemi!", skandieren sie. "Möge Allah dir ein langes Leben schenken." Im Takt recken sie die Fäuste: "Marq bar Amrika! Tod Amerika! - Marq bar Israel!

Tod Israel!"