Das trotzige "Wir sind lebendig, lebendig, lebendig" der Parteisprecherin Claudia Roth am Ende der Abstimmung hallt noch nach. Ihr dreifacher Vitalitätsschwur war nicht nur ein schriller Nachruf auf all die Nachrufe der Beerdigungsjournalistik vor dem grünen Parteitag in Rostock. Er zeigte auch eine Mischung aus Triumph und Beklemmung. Denn beängstigend total war der Sieg der Realos über den grünen Pazifismus. Der Bundesvorstand hatte die Gewissensnot der "Basis" völlig überschätzt. Nur noch eine Alternative gab es am Ende: zwischen dem weichen Bundesvorstandsantrag, wonach der Regierungsbeschluss zum Afghanistankrieg "akzeptiert" werde, und dem Antrag von Ralf Fücks, der Kriegsbeteiligung "als letztes Mittel" legitimieren wollte. Der Parteitag verzichtete geradezu auf die Mehrheit für den Fücks-Antrag, um die frustrierte Minderheit einzubinden - ein doppelter Sieg, durch Mäßigung.

Die Botschaft von Rostock: Einerseits ein überwältigender Vertrauensbeweis für den Außenminister, eine basisgehärtete Kanzlermehrheit. Die "Basis" optiert für Regierungsfähigkeit. Aber zugleich war Rostock eher ein Endpunkt als ein Fortschritt: Es zeigte die Verelendung des grünen Gewissenskonfliktes. Er ist nicht länger der Nabel deutscher Selbsterforschung. Es dominierten Gewissensphrasen, nicht Gewissensfragen.

Die Kriegsgegner ignorierten den realen Krieg. Flächenbombardements interessierten, nicht die Befreiung von Kabul. Vielleicht zum letzten Mal herrschte der Primat der Parteidebatte vor der Gesellschaftsdebatte. Man entschied sich für Regierungsfähigkeit und offenbarte den Verlust an Politikfähigkeit. Es wurde über die Bedingung der Möglichkeit von Außenpolitik gestritten, nicht aber über die Außenpolitik selbst. Joschka Fischers Rede kreiste um die Innenpolitik, um die Abwehr der "Herren" Westerwelle und Stoiber.

Dass es nicht um Krieg und Frieden ging, sondern um die Rolle der Nation in der Welt, um die Frage, ob Deutschland in zweiter oder dritter Reihe agiert, wurde auf dem Parteittag schlicht vergessen. So konnte die Fiktion gedeihen, dass die Kriegsbeteiligung die unvermeidliche Voraussetzung sei, um die wahrhaft grüne Außenpolitik in ihrer humanitären Schönheit zu entfalten.

Grüne Politik blieb, was sie war: Politik für die Grünen. Nachhaltig ist das nicht.