Aus gegebenem Anlass beschäftigt sich diese Kolumne abermals mit dem Einfluss Edward W. Saids und der von ihm begründeten Kritik des "Orientalismus".

Engagierte Leserzuschriften sprechen dafür, dass Said auch hierzulande zunehmend wichtig genommen wird, vor allem von jungen Islamwissenschaftlern und Anglisten, aber auch von Adepten der Post-Foucaultschen Diskurstheorie in anderen Fächern. Wer Said angreift, wie es an dieser Stelle geschehen ist, gerät schnell in den Verdacht, seinerseits dem "Orientalismus" anzuhängen.

Mit diesem Wort ist der gesamte Komplex von Klischees und Vorurteilen gemeint, den die westliche Darstellung des muslimischen Ostens hervorgebracht hat: der "Orientale" als der ganz andere, gleichzeitig religiös fanatisch und intellektuell antriebsschwach, seinen Lüsten ergeben und doch im Kern lebensfeindlich, zur Gewalttätigkeit neigend, aber im Grunde feige, großmäulig und faul, rebellisch bis zur Unregierbarkeit und doch im Herzen nach der Knute der Despotie verlangend.

Edward Said und seine Schüler haben sich zweifellos Verdienste erworben, indem sie die Verknüpfung solcher Bilder vom Orient mit den imperialistischen Interessen des Westens in der Geschichte aufzeigten. Was Said vor 25 Jahren in seinem legendären Buch an "Orientalismen" zusammentrug, diente dem Westen oft als Rechtfertigung für Unterdrückung, Ausbeutung und der Unterstützung diktatorischer Regimes.

Ein Problem dieser ideologiekritischen Schule besteht freilich darin, dass sie ihren eigenen Erfolg nicht wahrhaben will. Dass Klischees wie die oben aufgeführten heute weitgehend aus dem respektablen Diskurs verbannt sind, dass im Gegenzug die Verbeugung vor den großen kulturellen Leistungen des Islam und der Zivilisationen des Nahen Ostens zum guten Ton jeder Talkshow gehört, ja auch, dass der amerikanische Präsident muslimische Würdenträger in Zeiten des Krieges zum "Ramadan-Dinner" einlädt, wie jüngst geschehen - dies alles könnte man als Sieg der Kritik am Orientalismus verbuchen. Edward Said aber zeichnet in diesen Wochen in seinen Beiträgen für das ägyptische Traditionsblatt Al-Ahram ein Bild von der Stimmung in Amerika nach den September-Anschlägen, das finsterer kaum sein könnte: Er sieht die alte Feindschaft gegen "die Araber" und "den Islam" allerorten, in den Medien wie auf der Straße. Ob sich manche Leser dieser Texte wohl fragen, wie es nur kommen konnte, dass Said in dieser offenbar unbelehrbar bornierten westlichen Kultur zum Professor an der Columbia-Universität und zu einem der angesehensten Intellektuellen werden konnte? Saids eigene Erfolgsgeschichte darf im Bild nicht vorkommen - ganz so, als wäre sie ein Dementi seiner Theorie.

Nach dem 11. September sind schwerwiegendere Probleme der Orientalismus-Kritik in den Vordergrund getreten. Charles Paul Freund setzt im Dezemberheft der immer wieder formidablen Zeitschrift Reason zur Bestandsaufnahme an: Ein Vierteljahrhundert lang habe man nun schon die Sünden des Westens durchgearbeitet und dabei eine schwere, hässliche Last zusammengetragen. "Die Untersuchung der östlichen Einbildungskraft und ihrer Stereotypen und Fehleinschätzungen hingegen war niemals Teil dieser Kritik", so Freund. Schlimmer noch: "Wenn andere Gelehrte sich daran machten, so wurden sie meist als 'Orientalisten' abgefertigt, ein Beiwort, das schließlich so ziemlich das Gleiche bedeutete wie 'Rassist' und das dazu diente, sie in der Welt angesehenen Gelehrtentums zu marginalisieren." Wer kritisch über die antiwestlichen Trends und die Verschwörungstheorien im radikalen Islam schrieb, wer den fanatischen Antiamerikanismus der Militanten frühzeitig ernst nahm wie etwa Bernard Lewis, der Doyen der Nahost-Wissenschaft, konnte sich wütender Angriffe der Orientalismus-Kritiker sicher sein. Als Lewis, einer der erklärten Lieblingsfeinde von Edward Said, vor drei Jahren in Foreign Affairs eine Erklärung Osama bin Ladens als "Lizenz zum Töten" analysierte, dürften sich die Antiorientalisten in ihrem Glauben bestätigt gesehen haben, dass hier bloß wieder das altbekannte "Feindbild Islam" gepflegt werde. Heute liest man's anders: Wer war besser vorbereitet, den 11. September zu verstehen? Die Leser von Bernard Lewis oder die Adepten des Antiorientalismus, denen man beigebracht hatte, seine Analysen als imperialistische Propaganda abzutun?

Die Orientalismus-Kritik mag ihre historische Stunde gehabt haben. Was uns jetzt bitter fehlt, ist ein Verständnis des Okzidentalismus - der verzerrten, oftmals politisch instrumentalisierten Darstellung des stets dekadenten, korrupten, imperialistischen Westens in der islamischen Welt.