Sie funktioniert allerdings nur, wenn unter den Heulern jemand ist, der wirklich heulen kann wie ein Wolf, so, dass es auch die Wölfe überzeugt. Denn die müssen zurückheulen.

Sabina Nowak geht vor den anderen, ihre Figur scheint in der Nacht zu versinken. Nur ab und zu bohrt sich von ihrer Stirnlampe ein Streifen Licht durch den Wald. Ein schmaler, heller Strahl, der über Gräser, Moose, Flechten und Baumstämme wandert, manchmal vorbei an Schützengräben, die man hier übungshalber in den Waldboden scharrt. Es geht quer durch militärisches Sperrgebiet. Die Forscherin brauchte einen Stapel amtlicher Papiere mit den richtigen Stempeln, bis sie die offizielle Zutrittserlaubnis bekam. Wölfen ist der verbotene Status eines Gebietes egal, im Gegenteil, sie ziehen sich gerne in Gegenden zurück, in denen sie Ruhe vor dem Menschen haben. Hier, in der Nähe von Dlusko, hat man ihre Losung gefunden, wurden Tiere gesehen, die nur Wölfe sein können. Irgendwo dort im Dunkeln müssen sie sein, glaubt das halbe Dutzend Wolfssucher, das hinter Sabina Nowak durchs Gehölz schleicht.

Studenten und Tierforscher aus Deutschland, Polen, eine ist sogar aus den Vereinigten Staaten angereist, um hier im polnischen Wald einmal mit den Wölfen zu heulen.

Mit dabei ist auch die deutsche Biologin Gesa Kluth. Sie koordiniert seit einem Jahr mit Sabina Nowak die deutsch-polnische Zusammenarbeit in Sachen Wölfe. Und hofft, dass bald auch in Deutschland der Wolf wieder öfter gesehen wird.

Angst vor Wölfen habe nur, wer sie nicht kennt, sagt Sabina

Für Wolfsforscherin Nowak sind solche Begegnungen Routine. Die Artenschutzexpertin kümmert sich seit Mitte der neunziger Jahre um alles in Sachen Wolf, was in Polen passiert. Zu Hause im ostpolnischen Forststützpunkt Godziszka, wo die Berge der Beskiden den westlichsten Stützpunkt der letzten großen Wolfsrudel Europas bilden, kann sie das ganze Jahr über den Spuren der Beutejäger folgen. Sie kennt die Streifzüge der Rudel, ihre Fress- und Schlafplätze und weiß, wo sie ihre Jungen aufziehen. Sabina Nowak ist Lobbyistin in Sachen Wolf, sie organisiert internationale Workshops und arbeitet seit 1996 als Präsidentin der polnischen Association for Nature Wolf. Daneben veranstaltet sie Wolfs-Seminare, praktische Schulungen, in denen sie einheimischen Jägern, Forstleuten und Biologen zeigt, wie eine Wolfsfährte aussieht, was Wolfslosung ist. Der Wolf ist eine außergewöhnliche Spezies. Hoch intelligent, extrem gut organisiert, sagt sie. Nicht einmal wir Wissenschaftler können uns heute erklären, wie beispielsweise seine faszinierende Kommunikation im Detail funktioniert.

Sabina Nowak will aufklären, den Menschen mit dem Wolf vertraut machen, denn man hat nur Angst vor etwas, das man nicht kennt. Dass der Wolf ein raubender, blutrünstiger Killer ist, hat ohnehin so nie gestimmt. Das waren Märchen und Legenden.