Der Jazz ist viele Tode gestorben. Aber vielleicht gilt das gar nicht für die Sache, sondern nur für dieses Four-Letter-Word, auf das von jeher Gegensätzliches projiziert wurde. Nicht einmal die Musiker mochten es, am allerwenigsten Duke Ellington. In den vierziger Jahren trauerte Hugues Panassié um das, was er für "Jazz Hot" hielt - wo's doch nirgends "heißer" zuging als im Bebop von Charlie Parker und Dizzy Gillespie. In den Sechzigern und Siebzigern verbreiteten Anhänger des Bebop Dolchstoßlegenden: die Free-Jazz-Anarchos einerseits, die Rock-Brutalos anderseits hätten den Jazz gekillt. Sie überhörten den Blues bei Ornette Coleman und den kreativen Furor bei Jimi Hendrix.

Als der Bebop wie Lazarus unter dem Namen Postbop aus der Grube stieg und in den Achtzigern von Wynton Marsalis & Bros. als exklusives Ritual zur Selbstversicherung der Black Community zelebriert wurde, verloren sich, nach Meinung der jüngsten Trauergemeinde, die Jazzkonturen in weltmusikalischem Einerlei. Jetzt steht eine Renaissance des Swing an. Diese Musik (wenn wir Jazz als vagen Sammelbegriff nehmen) hat sich seit ihren frühesten Anfängen immer in alle Lotterbetten gelegt, mit Liebhabern aller Art eine Unzahl von Bälgern gezeugt. Sollte sie je sterben, lebt sie zumindest in denen fort.

Freilich gibt es auch Anzeichen für das, was Keith Jarrett schon vor 15 Jahren erkannte: dass "Jazz" Geschichte wird, eine historische Musikform (Jarretts interessante These: Er sei eine prädigitale Kunst). In jedem Fall ist dies die Zeit der Gesamtausgaben, Reeditionen allenthalben, manchmal ediert unter Einschluss jedes auffindbaren Schnipsels, Fehlstarts und Studio-Smalltalks - für alle, die Musik wollen und nicht Wissenschaft, so mühsam wie der Gebrauch einer historisch-kritischen Klassikerausgabe.

Solche editorische Akribie, die den Zugang zu den Ausgrabungen eher behindert als befördert, hat Michael Cuscuna nicht im Sinn. Er leitet das imposanteste Reeditionsunternehmen jenseits der Library of Congress, das Label Mosaic. In limitierten Auflagen präsentiert es Segmente der Jazzgeschichte, die lange nicht zugänglich oder selbst der Aufmerksamkeit von Spezialisten entgangen waren. Dabei ist, immer neu bestürzend, die Erfahrung zu machen: Historische Musik, zumal aus einer Minderheitennische, kann geradezu gefährlich lebendig sein, im Gegensatz zu historisierenden Kopien - den Neuerscheinungen der leibhaftigen Zombies, die in fremden Zungen nachbeten, was die Originale formulierten. Die Qualität, um die's hier geht, heißt Authentizität.

Cuscuna ist der für Reeditionen Veranwortliche beim legendären Label Blue Note, was den Schwerpunkt, aber keineswegs das ganze Programm von Mosaic bestimmt. Die Suche nach den Originalbändern verlangt ihm detektivischen Spürsinn und die Hartnäckigkeit eines Agenten ab. Die seiner jüngsten Edition, der gesammelten Aufnahmen des Altsaxofonisten Sonny Stitt für Royal Roost zwischen 1955 und 1965, entdeckte er in einem ehemaligen Schlachthaus in London, wo die Masterbänder des an EMI Großbritannien verkauften Labels Roulette lagerten. Das hatte einmal Ende der Fünziger Roost geschluckt. Sind Jazzmusiker grundsätzlich unterschätzt, ist Sonny Stitt ein Verkannter im Quadrat: Den ständigen Vorwurf, Charlie Parker zu kopieren, war er so leid, dass er sogar vom Alt- zum Tenorsaxofon wechselte. Die Roost-Aufnahmen (deren Kern nicht weniger als neun Quartettalben ausmachen) belegen die Nähe zu Parker, aber auch die Distanz: Stitt hat von seinem Vorbild die Intensität, nicht aber die Komplexität gelernt - nicht gerade ein Parker in Volksausgabe, aber mit locker eingängigem Swing.

Mosaic ist ein Unternehmen gegen alle Arten von Vorurteilen, wie sie unter Jazzfans grassieren. Die Begleithefte sind wissenschaftlich akribisch und doch gut geschrieben, voll mit meist unbekannten Fotos. Stilistische Berührungsängste kennt Cuscuna nicht. Im aktuellen Katalog stehen (schon diese Hefte, die einem nach der ersten Bestellung vierteljährlich automatisch und kostenlos zugehen, sind Sammlerstücke) unter vielem anderem: eine erstaunliche Mildred Bailey Legacy (The Complete Columbia Recordings), zehn CDs der vielleicht wichtigsten unter den vergessenen Jazzsängerinnen der dreißiger Jahre, brillant restauriert und also zu hören wie nie zuvor

acht CDs mit Eddie Condon's Mob, Produktionen seiner Sidemen, die das Image von Condons krachendem Bartresen-Dixieland endgültig korrigieren