Torquato Tasso, Dichter und titelgebende Gestalt in Goethes Drama, sagt: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, / Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide." Auf dem Höhepunkt seines Schmerzes bleibt ihm als letzter Trost, dass die Natur ihm "Melodie und Rede" gelassen habe. Wo andere sprachlos leiden müssen, verfügt er über die Macht der Poesie, die seinem Unglück Form und Dauer gibt.

Dieser Gedanke ist sicherlich einer der wichtigsten Beweggründe für die Entstehung von Literatur. Wenn einer rundum glücklich ist, warum sollte er sich der Qual des Schreibens unterziehen? Andererseits: Wer mitten im Dreck steckt, wird kaum die Möglichkeit noch die Muße finden, sich als Dichter zu betätigen. Er wird seine Tatkraft lieber der unmittelbaren Gefahrenabwehr und Daseinsvorsorge widmen.

Bemerkenswert immerhin, dass große Unglücksfälle ein heftiger Anlass lyrischer Produktivität zu sein scheinen. Da bildete auch der 11. September keine Ausnahme. Diese Redaktion, wie wohl die meisten Redaktionen, erreichte eine nicht geringe Zahl von Einsendungen der vielen Gelegenheitsdichter, die es nicht versäumten, der Katastrophe poetische Gestalt zu verleihen. Wobei man hinzufügen muss, dass Deutschland wahrscheinlich das einzige Land auf dieser Erde ist (mit Ausnahme von Island, wo dem Hörensagen nach ein jeder die Grundformen der gebundenen Rede beherrscht), das mehr Lyrikproduzenten als Lyrikleser beherbergt. Die Veröffentlichung von Gedichtbänden ist für die Verlage fast ausnahmslos ein Verlustgeschäft

andererseits darf man vermuten, dass die Schubladen der gebildeten Deutschen voller Gedichte sind.

Da über die Qualität der zum 11. September eingereichten Gedichte kein abschließendes Urteil gefällt werden kann, bleibt die spannende Frage, was die Verbindung von welthistorischem Unglück und privater Wahrnehmung bedeutet. Klar ist, dass die Dichter der New-York-Katastrophe von dieser nicht selber unmittelbar betroffen waren, sonst hätten sie kaum schreiben können, es sei denn, sie hätten Torquato Tasso geheißen. Andererseits ist Theodor Fontane, soweit man weiß, weder Betroffener noch Zeuge des schottischen Eisenbahnunglücks am 28. Dezember 1879 gewesen, über das er seine Ballade Die Brücke am Tay geschrieben hat.

Sie endet mit den berühmten Zeilen: "Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand!" Auch wenn man zugeben muss, dass Fontane ein oftmals lausiger Lyriker war: Diese Formulierung ist so einprägsam-genial, dass sie Eingang in die Literaturgeschichte gefunden hat und sogar für den 11. September taugen würde. Die Frage also, ob man zum Dichten Tassos Leid brauche oder Fontanes Entspanntheit, entscheidet sich ausschließlich am Ergebnis. Am Ende ist es ohnedies Gebilde von Menschenhand.