Vom ersten Tag der Präsidentschaft George W. Bushs an haben sich zahlreiche amerikanische Offizielle dafür stark gemacht, das Regime von Saddam Hussein im Irak so schnell wie möglich zu zerstören. Vor allem die Zivilbeamten des Verteidigungsministeriums waren dafür. Viele andere jedoch standen dieser Ansicht in den Monaten vor den Terrorangriffen auf Amerika skeptisch gegenüber. Angesichts der Weigerung des irakischen Diktators, Inspektionen der Uno zuzulassen, bezweifelte zwar niemand, dass Saddam kräftig daran arbeitete, die Entwicklung von ABC-Waffen voranzutreiben. Auch bestritt kaum jemand, dass der Irak genügend Öl an den Kontrollen der Uno vorbei außer Landes schafft, um mit dem Erlös in großem Stil die Einfuhr von Materialien und Fachkenntnissen für den Waffenbau zu finanzieren. Tatsächlich besitzt Saddam inzwischen mit Sicherheit gebrauchsfertige biologische Kampfstoffe, er verfügt über Fabrikationsstätten für das Nervengas V-X, und er betreibt obendrein ein atomares Entwicklungsprojekt, das allerdings noch nicht imstande ist, einsatzfähige Nuklearwaffen herzustellen.

Die amerikanische Kriegspartei, angeführt vom Stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, räumte ein, dass die Vorstellung wenig praktikabel sei, man könne den Golfkrieg von 1991 noch einmal kämpfen - also wie damals eine halbe Million Soldaten nach Saudi-Arabien entsenden. Deshalb schlugen Wolfowitz und seine Mitstreiter vor, irakische Exilanten in den Nachbarländern zu bewaffnen und auszubilden. Zugleich wollten sie kurdische Milizen aufrüsten und diese im Krieg aus der Luft unterstützen.

Im Außenministerium unter Colin Powell sah man die Dinge anders. Zunächst einmal warnten die Diplomaten, dass die saudi-arabischen Herrscher jeglichen Krieg nach diesem Muster ablehnen würden, da er die islamistische Opposition aufstachele. Von noch größerer diplomatischer Bedeutung war der Einspruch der türkischen Regierung. Die Türkei hielt nichts von militärischen Abenteuern und befürchtete darüber hinaus, dass kurdische Siege im Irak den kurdischen Nationalismus innerhalb der Türkei aufs Neue anheizen würden.

Als ehemaliger General lehnte Colin Powell die Kriegsoption freilich - mit Rückendeckung der CIA - auch aus militärischen Gründen ab. Seiner Auffassung nach handelte es sich bei den irakischen Exilanten um bloße Redekünstler, unfähig zu wirklichem Kampf. Ferner seien die kurdischen Gruppen untereinander völlig zerstritten. Diese Defizite, glaubte Powell, ließen sich durch die amerikanische Luftübermacht nicht aufwiegen - besonders dann nicht, wenn Saudi-Arabien und die Türkei als Stützpunkte der Operationen nicht infrage kämen.

Die meisten hohen amerikanischen Militärs teilten Powells Einschätzung.

Hingegen achtete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld darauf, sich nicht zu sehr aus dem Fenster zu lehnen. Zugleich sorgte die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice dafür, dass auch das Weiße Haus die Kriegspläne weder begrüßte noch ablehnte. So plätscherte die Debatte bis zum 11. September ergebnislos vor sich hin.

Die Ereignisse jenes Tages, welche die Verletzbarkeit der Vereinigten Staaten dramatisch offenbarten, waren Wasser auf die Mühlen der Kriegspartei - und das bereits, bevor bekannt wurde, dass der Attentäter Mohamed Atta eine Reise nach Prag unternommen hatte, um sich mit dem Geheimdienstchef der irakischen Botschaft zu treffen. Verteidigungsminister Rumsfeld gab danach seine bisherigen Vorbehalte auf und machte sich die Überlegungen seiner Beamten zu Eigen. Das Gewicht der Kriegspartei nahm beträchtlich zu.