Aus Anlass der Eröffnung der Kieler Woche durch den Kieler Oberbürgermeister Luckhardt 1982 luden Gerhard Stoltenberg und ich gemeinsam die Regierungschefs der fünf nordischen Länder ein. Die Ministerpräsidenten von Island, Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland kamen an Bord des ehemaligen Lotsenschoners Atalanta, eines Oldtimers, der meinem Freunde Eric Warburg gehörte. Wir sprachen freimütig über die Weltlage, über die sowjetische Raketenrüstung, über die nötigen westlichen Abrüstungsinitiativen, auch über die Neutralität Schwedens und Finnlands unter dem indirekten Schutz der Nato. Es war ein sehr offenes, aber doch sehr harmonisches Gespräch. Den ausländischen Gästen ist es vermutlich schwer gefallen, in den außenpolitischen und strategischen Bewertungen des Kieler Ministerpräsidenten und des Bonner Bundeskanzlers Unterschiede oder Divergenzen zu entdecken.

Für uns beide war das allerdings nichts Neues. Denn wir hatten seit Jahren die Gewohnheit, einmal im Jahr unsere Meinungen auszutauschen, nämlich am Brahmsee, der in der Nähe der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt liegt. Dort hängt heute noch eine kolorierte alte Landkarte der "up ewig ungedeelten" Herzogtümer, die der Landesvater mir einmal mitgebracht hat.

Natürlich gab es immer wieder auch erhebliche Verschiedenheiten unserer innenpolitischen und sozialökonomischen Meinungen, aber der konservative Christdemokrat und der konservative Sozialdemokrat haben sich gut verstanden.

Denn wir haben einander gegenüber immer mit offenen Karten gespielt, und zugleich blieben wir Dritten gegenüber diskret.

Im Herbst 1982 wechselte Stoltenberg - nach über zehn Jahren als Landeschef - in das Amt des Finanzministers nach Bonn. Früher war er bereits vier Jahre unter Erhard und Kiesinger Wissenschaftsminister gewesen. Später hat er, abermals unter Kohl, einige Jahre als Verteidigungsminister gewirkt - insgesamt vierzehn Ministerjahre in Bonn. Und in all den Jahren zuverlässig, standfest und anständig.

Natürlich sind - wie jedem Politiker - auch dem Bundesminister Stoltenberg Fehler unterlaufen, wie hätte es anders sein können? Der von ihm selbst als besonders schmerzhaft empfundene, zugleich wohl schwerste Fehler lag in seinem positiven Urteil über seinen Kieler Amtsnachfolger Barschel und im allzu langen Festhalten an dessen schillernder Persönlichkeit.

Stoltenberg war kein Mann schneller Entschlüsse, er neigte eher zum besonnenen Abwägen, was ihm bisweilen den Ruf der Zögerlichkeit eingebracht hat. Mit seinen Fähigkeiten, Eigenarten und seinen umfassenden Erfahrungen wäre er gleichwohl ein tüchtiger, solider Bundeskanzler geworden, wenn die CDU/CSU dies gewollt hätte - und wenn er selbst es auch gewollt hätte.