Am wenigsten haben sich diejenigen durch die 841 Seiten (dtv-Ausgabe) gelesen, die es geschenkt bekommen haben. Es harrt der Dinge im Regal, vorwurfsvoll ungelesen. Bei jeder Begegnung mit dem Schenker fürchtet der Beschenkte die peinliche Frage: »Wie findest Du den Eco?« Diese Angst ist unbegründet. Der Schenker wird sich nie getrauen. Er hat das Werk auch nicht gelesen.

Gegen den geschätzten Eco will ich damit gar nichts sagen. Aber gegen die weihnachtlichste Unsitte überhaupt: Bücher zu verschenken, die man selber nicht gelesen hat - bloß aufgrund einer Empfehlungen von Freunden, Rezensenten, Buchhändlern, Reich-Ranicki. Der beste Empfehler irrt beim Empfehlen, wenn er die Zielperson nicht kennt. Es soll schon vorgekommen sein, dass ein Verkäufer als Geschenk für einen ihm Unbekannten, zu Martin Walser geraten hat. Oder, noch schlimmer, zu Jens Sparschuh.

Dabei sollte im Prinzip das Bücherschenken überhaupt unter Strafe gestellt werden. Man zwingt den Beschenkten, sich Stunden, Tage, Wochen - bei einem dicken Eco oder Grass gar Monate - mit dem Geschenk zu befassen: Ein kolossaler, anmaßender Eingriff in die Privatsphäre des andern. Liest der das Buch nicht, ist der Eingriff genauso massiv. Tag für Tag plagt den Beschenkten der Anblick des unberührten Buchrückens.

Befreit sich der Beschenkte von der ständigen Unbill des Anblicks mit einem schnellen Gang ins Antiquariat, ist die Sache genauso wenig ausgestanden. Es droht die Frage: »Wo hast Du eigentlich den Eco, den ich Dir ...?« Letztlich meistert man als Beschenkter solch missliche Situation nur mit Ausflüchten (»Noch keine Zeit gehabt/fest vorgenommen für die Ferien«). Oder mit dem Griff zu Kindlers Literatur Lexikon. Ecos Pendel ist da auf anderthalb Seiten abgehandelt.

Da jede Regel nur mit Hilfe der Ausnahmen eine richtige Regel sein kann, hier meine Geschenkempfehlung für Weihnachten: Food - Die ganze Welt der Lebensmittel. Es ist das schönste Buch, das in diesem Herbst über Fressalien publiziert worden ist. Es ist schwer wie eine Weihnachtsgans (3,5 Kilogramm) und auf den 3000 Fotos des einstigen Konditormeisters Christian Teubner sind Lebensmittel mit einer solchen Sorgfalt inszeniert, dass der Magen beim ersten Schinken (aus einer westfälischen Hüfte) zu knurren beginnt. Beim Serrano bebt er, trabt los, beim Pferdeschinken galoppiert er, und spätestens beim Wildschweinschinken auf Seite 250 ist die Stampede nicht mehr zu stoppen. Fast Din-A-3 groß sind die Seiten mit den herrlichen Köstlichkeiten. Aufgeschlagen hat das Werk die Dimension eines Weltatlas. Und die Texte sind ganz kurz.

Teubner hat in zehnjähriger Arbeit ein gigantisches Inventar zusammengeknipst. Die Sau ist vertreten als flache Schulter oder dicke Schulter, Backe, Zunge, Filet, Lendenkotelett oder Hirn. Nicht ein einzelner köstlicher Ziegenkäse lächelt einem von Seite 284 entgegen. Es grinsen: Brin d'Amour, Sainte-Maure de Touraine, Monte Caprino, Ziegen-Gouda, Bougon, Pavé Touraine et al. Der Fotograf kann es auch mit Gurken, Fischen, Ölen, Wurstwaren, mit 24 Sorten Reis, Garnelen und Langusten, Algen und Kartoffeln und natürlich Pasta: Der Anblick perfekt ins Lichte gesetzter Maccheroni, Farfalloni, Tacconelli, Quadrucci, Sorprese, Banane, Radiatori, Perciatelli, Perciatellini, Perciatelloni, Ditali rigati, Millerighe, Fusilli oder Sedanini in den italienischen Nationalfarben degradieren jede Bijouterieauslage zum müden Arrangement eines Schlafzimmer-Setzkastens.

Der Hauptgrund aber, warum sich dieses Buch als Geschenk eignet: man muss es nicht gelesen haben. Einmaliges Durchblättern reicht. 15 Sekunden, und Sie wissen Bescheid, geben mir Recht, haben was für Onkel Erwin. Außerdem kann niemand von ihnen verlangen, es schon zuvor für sich gekauft zu haben. Wer gibt schon 198 Mark aus, nur um zu wissen, ob er mit gutem Gewissen noch einmal 198 Mark ausgeben soll - für ein Buchgeschenk.