Heinlein: Der politische Rahmen ist gesteckt, nun beginnt die schwierige Phase der praktischen Umsetzung. In aller Welt wurde gestern das erfolgreiche Ende der UN-Afghanistan-Konferenz mit Erleichterung aufgenommen. Der Weg scheint nun frei für eine Übergangsregierung. Unter dem Schutz einer internationalen Friedenstruppe soll sie die Grundlagen für den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes legen. Die Interimsregierung kann dabei mit breiter internationaler Unterstützung rechnen. Gestern begann in Berlin eine Konferenz von 15 Geberländern. Sie sollen, nach den Worten des Bundeskanzlers, einen substantiellen Beitrag für eine bessere Zukunft des Landes leisten. Was den Helfern bevorsteht, das beschrieb gestern in dieser Sendung Rupert Neudeck von der Hilfsorganisation Cap Anamur.

Neudeck: Es gibt, glaube ich, in der Geschichte Afghanistans und der Hilfe der letzten 20 Jahren keine Herkules-Arbeit, die größer war. Aber sie muss natürlich auch langfristig angelegt sein. Die Entwicklungshilfe und auch die Entwicklungshilfeministerin in Deutschland sind von entscheidender Bedeutung dafür, dass die langfristige Hilfe gleich danach einsetzt.

Heinlein: Aus Nordafghanistan Rupert Neudeck von der Hilfsorganisation Cap Anamur. Und am Telefon die direkt angesprochene Bundesentwicklungsministerin, Heidemarie Wieczorek-Zeul. Guten Morgen.

Wieczorek-Zeul: Guten Morgen.

Heinlein: Frau Wieczorek-Zeul, ein direkter Appell an Sie, eine Herkules-Aufgabe in Afghanistan - wir haben es gehört -, langfristige Maßnahmen seien notwendig. Wie kann denn diese Aufgabe bewältigt werden?

Wieczorek-Zeul: Genau diese Aufgabe haben wir ja seit Wochen angepackt. Einmal, indem wir die humanitäre Hilfe und auch die entwicklungsorientierte Nothilfe über Nichtregierungsorganisationen, über die UNO-Flüchtlingshilfeorganisation, über das Welternährungsprogramm in das Land selber gebracht haben. Und das Allerwichtigste ist jetzt, wo der politische Rahmen feststeht, und wo in Afghanistan alle Beteiligten ein neues, ein friedlicheres Afghanistan aufbauen wollen, dass die entsprechende Arbeit beim Wiederaufbau beginnen kann. Unser Ministerium hat vor einigen Tagen dazu bereits eine Gruppe von Experten der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit in Afghanistan selbst, die schon wieder zurück sind, und mit denen wir die wichtigsten Möglichkeiten und Ansätze diskutieren, d.h. die Arbeit hat begonnen. Das eigentliche Problem ist, dass sozusagen erst die politischen Voraussetzungen existieren mussten.

Heinlein: Deutschland hat ja den Vorsitz der Afghanistan Support Group, die gegenwärtig in Berlin tagt. Leitet sich daraus eine besondere Verantwortung für das Gelingen des Wiederaufbauprojektes, für die humanitäre Hilfe in Afghanistan ab?