Es ist eine merkwürdige Pleite. Enron, der größte Energiekonzern der Vereinigten Staaten, hat Konkurs beantragt - aber nicht einmal die Lichter flackern. Der steile Fall des einstigen Musterunternehmens aus dem texanischen Houston bricht alle Rekorde und wird zur größten Bankrotterklärung der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte - doch als Argument gegen die Liberalisierung der weltweiten Energiemärkte taugt der Absturz kaum.

Und das, obwohl Enron so konsequent wie kein anderes Unternehmen die Chancen deregulierter Energiemärkte nutzte. Ganz herkömmlich war die Firma 1985 aus dem Zusammenschluss zweier Pipeline-Betreiber entstanden. Kenneth Lay aber, Enron-Gründer und Freund des US-Präsidenten George W. Bush, pfiff auf die Weisheiten seiner konservativen Branchenkollegen und machte aus seinem Unternehmen etwas ganz anderes. "Wir sind kein Energiebetrieb mehr", lautete ein paar Jahre später seine Devise, "wir machen Märkte."

Enrons Kerngeschäft war fortan nicht mehr die Produktion oder der Transport von Energie. Sein Geld verdiente der rasch wachsende Konzern mit dem Großhandel von Strom und Gas - und mit Wetterversicherungen, Leitungskapazitäten für die Datenübertragung, mit Rechten auf Aluminium- und Holzlieferungen.

Wenn irgendwo auf der Welt über die Deregulierung und Öffnung von Energiemärkten gefeilscht wurde, war Enron dabei - und etablierte sich im Erfolgsfall umgehend als aggressiver Mitbewerber. Engagierten Beschäftigten bot das Unternehmen ein ideales Betätigungsfeld. Ohne Wissen ihrer Chefs entwickelte eine Angestellte 1999 EnronOnline - einen Marktplatz für Strom und Gas im Internet, der binnen zweier Jahre zur zentralen Plattform für den Energiehandel wurde. Fünf aufeinanderfolgende Jahre lang kürte das Wirtschaftsmagazin Fortune Enron zur innovativsten Firma der Vereinigten Staaten.

Wie schnell sich die Zeiten ändern: Der Abstieg vom Helden der Branche zum Pleitier dauerte für Kenneth Lay jedenfalls nur sechs Wochen. Am 16. Oktober veröffentlichte er die jüngsten Quartalszahlen und ließ quasi nebenbei Informationen über bislang unbekannte Deals, Kapitalschwund und zusätzliche Schulden durchsickern. Branchenanalysten hatten schon seit Monaten mehr Transparenz gefordert - mit Recht, aber erfolglos. Jetzt kam heraus, dass mit buchhalterischen Tricks gewaltige Probleme des Konzerns kaschiert worden waren: Fehlinvestitionen bei Kraftwerken in Oregon, England und Indien; teure Ausflüge ins Geschäft mit Wasser und Zeitungspapier. Dazu der Kauf viel zu großer Kapaziäten von Internet-Breitbandnetzen. "Getrieben von dem Drang, die Nummer eins zu sein, wurden die Chancen auf deregulierten Märkten falsch eingeschätzt", sagt Klaus-Dieter Maier, Energieexperte beim Beratungsunternehmen A. T. Kearney. Die "Gier nach Wachstum" sei Enron zum Verhängnis geworden.

Als der Ruf lädiert war, kam das Ende fast schon zwangsläufig. Die Kundschaft scheute vor Enron zurück; das sinkende Handelsvolumen bescherte dem Unternehmen schlechtere Konditionen. Die Ratingfirma Standard and Poor's stufte den Status von Enron auf die Kategorie "Müll" herunter - woraufhin zahlreiche teure Kredite sofort fällig wurden und das eigenkapitalschwache Unternehmen in einen verhängnisvollen Abwärtsstrudel gerissen wurde.

Enron ist pleite, das Geld von Tausenden Aktionären wurde vernichtet - die Fachwelt aber bewegt vor allem die Frage, ob der Absturz des texanischen Höhenfliegers auch der Beweis dafür ist, dass die mit der Energiemarkt-Liberalisierung verbundenen Hoffnungen übertrieben waren. "Elektrischen Strom als eine handelbare Ware zu begreifen, dieses Prinzip wird nun wohl zunehmend infrage gestellt werden", sagt Walt Patterson, Energieexperte am Royal Institute of International Affairs in London. Und das businessfreundliche Wall Street Journal beweinte bereits das vermeintliche Ende eines "großen Experiments: Sehen Sie, was stattdessen passiert ist."