Vielleicht gibt es einen kalten, heißen Winter. Kalt, weil der Abschwung weitergeht und die Arbeitslosigkeit steigt. Im November waren 3,77 Millionen Menschen ohne Arbeit, im Januar oder Februar werden es weit über 4 Millionen sein. Heiß, weil dennoch eine harte, lange Tarifrunde droht. Streiks inklusive.

Am Montag wird es die IG Metall sein, die als erste unter Deutschlands Gewerkschaften ihre Forderungen vorstellt. Sie gibt die grobe Linie vor - auch für die Zukunft der Konjunktur. So oder so: Das Areal, in dem sich der Tarifkampf im Winter vollziehen wird, ist längst abgesteckt. Hier die Arbeitnehmer, die "kräftig mehr Geld" wollen - so IG-Metall-Sprecher Claus Eilrich. Dort die Arbeitgeber, die vor einer Schwächung der Konjunktur warnen - und mehr Arbeitslosen, falls der Abschluss zu teuer wird.

Begonnen hat der Schlagabtausch in der vergangenen Woche, als Baden-Württembergs Metaller Lohnsteigerungen von 5 bis 7 Prozent forderten und die Unternehmerseite daraufhin von "unrealistischen" und überzogenen Erwartungen sprach. Die sind tatsächlich hoch - in den Betrieben, bei den Mitgliedern, an der Basis. Selten zuvor habe er einen "solch irrsinnigen Druck" verspürt, sagt in Baden-Württemberg IG-Metall-Bezirksleiter Berthold Huber. "Die Kollegen", sekundiert auch in Nordrhein-Westfalen Peter Krüger, Betriebsratsvorsitzender bei Miele in Gütersloh, "sprechen von mindestens 5 Prozent."

Kein Kniefall vor den Arbeitgebern also: Im Jahr 2000 habe es zu wenig gegeben, jetzt soll es umso mehr sein. Der letzte, für 21 Monate gültige Abschluss brachte den Metallern einen Zuschlag von 2,1 Prozent. Nach Abzug von Inflation und steigenden Sozialabgaben blieb davon real nichts übrig, und das, obwohl es der Branche in den vergangenen Jahren so gut ging wie lange nicht mehr.

Das Gefühl, man sei über den Tisch gezogen worden, sitzt tief. Alle Statistiken belegen, dass ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer heute weniger Geld in der Lohntüte hat als 1991. Schuld trägt der Staat mit höheren Steuern und Sozialabgaben, Schuld trägt aber auch ein über die Jahre geringer Anstieg des Bruttolohns. Der nützte der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft - und den Profiten der deutschen Unternehmen. Während die Reallöhne in den vergangenen zwei Jahrzehnten in etwa stagnierten, sind die Gewinne seit 1980 um 90 Prozent gestiegen.

Für die Arbeitgeber zählt dieses Argument wenig. Sie verweisen auf den Zusammenhang zwischen Löhnen und Arbeitslosigkeit. In Verbandsblättern wird derzeit wiederholt, was das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft schon vor einigen Wochen veröffentlichte: dass ein in der ersten Hälfte der neunziger Jahre relativ starker Lohnanstieg zu einem Verlust von einer Million Arbeitsplätze geführt habe, die moderaten Abschlüsse seit 1995 aber ein Beschäftigungsplus von 4 Prozent gebracht hätten. Das Bonbon folgt: Drei weitere Jahre Lohnzurückhaltung, verspricht das Institut, brächten in den nächsten fünf Jahren 400 000 neue Jobs.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Datenlage lässt Raum zum Interpretieren und Taktieren. Der kräftige Zuwachs an Arbeitsplätzen, den gerade die Metallindustrie im Boomjahr 2000 verzeichnete, sei zu einem Gutteil auf die damals noch stark steigende Exportnachfrage zurückzuführen gewesen, sagt Gustav Horn, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Dennoch steht außer Frage, dass ein zu hoher Abschluss manche Betriebe inmitten der Konjunkturkrise überfordern würde. Das wissen auch die Gewerkschaften. Wie aber im Spagat zwischen murrender Basis und gesamtwirtschaftlicher Verantwortung den richtigen Weg finden?