Athen

Das Ultimatum verstrich, ohne dass irgendetwas geschah. Den letzten Tag des November, den Freitag vergangener Woche, hatte der Präfekt der Insel Zakinthos der Athener Zentralregierung als Frist gesetzt. Bis dahin sollte sie sich der Flüchtlinge angenommen haben. Genauso gut hätte Dionysios Gasparos den Meeresschildkröten, die in der südlichen Bucht dieser grünen ionischen Insel nisten, befehlen können, jetzt, im Winter, ihre Eier zu legen. Die Schildkröten hätten dasselbe getan wie die hohen Herren in Athen: den Präfekten schlicht ignoriert.

Allerdings wäre es falsch, zu behaupten, Kostas Simitis hätte angesichts des Flüchtlingsdramas überhaupt nichts getan. Der Premierminister hat nur nichts unternommen, um die Not der 738 Boat-People zu lindern, die am 5. November auf einem winzigen Frachter im Ionischen Meer havariert waren. Und er hat den Inselbewohnern nicht geholfen, die sich seither der Gestrandeten annehmen, dies mit einer Selbstlosigkeit, dass die Tageszeitung Eleftherotypia von einer "Lektion in humanitärem Umgang" sprach. Wohl aber war die Landung des Seelenverkäufers im Hafen von Zakinthos für Simitis Anlass, das restliche Europa in die Pflicht zu nehmen. Zuerst ließ er den Regierungssprecher vorsorglich erklären, die 712 Gestrandeten - man hatte noch nicht einmal genau gezählt - seien jedenfalls "keine politischen Flüchtlinge". Dann ergriff der griechische Premier die Initiative für nichts weniger als eine "gemeinsame Asyl- und Zuwanderungspolitik" Europas.

Griechenland wurde erst vor anderthalb Jahren in den Kreis der europäischen Staaten aufgenommen, die ihre Binnengrenzen weitestgehend unkontrolliert lassen, dafür aber die Außengrenzen strikt überwachen wollen. Das südöstlichste Land Europas ist mithin einer der "jüngeren" Schengen-Staaten. Nur noch Großbritannien und die Schweiz fehlen im grenzenlosen (westlichen) Europa. In dieser Hinsicht ist der Traum von den Vereinigten Staaten von Europa wahr geworden. Wo früher Pässe vorgelegt und Gepäck zur Zollinspektion geöffnet werden mussten, erinnern heute nur aufgelassene Grenzkontrollposten daran, dass man gerade von einem europäischen Staat in einen anderen reist. Dagegen glauben sich die Schengen-Länder ähnlich wie die USA nach außen hin abriegeln zu müssen. Von der "Festung Europa" sprechen Kritiker, seitdem westliche Staaten den gerade erst aufgerissenen Eisernen Vorhang ihrerseits wieder zuziehen möchten. Das Asylrecht wurde beständig eingeschränkt. Mit vielen Nachbarstaaten wurden Abkommen zur "sofortigen Rückführung" von Flüchtlingen geschlossen. Einige der Anwärter auf EU-Mitgliedschaft kooperieren zur Zufriedenheit der Schengen-Staaten, indem sie die Wanderer zwischen den Welten gleich wieder aufnehmen - und ihrerseits weiter nach Osten abschieben.

Doch Europa und gerade die Schengen-Staaten sind immer noch ein begehrter Zufluchtsort. Hier ist immer noch selbstverständlich, was in anderen Teilen der Erde völlig unbekannt ist: Kindergeld, kostenlose medizinische Versorgung, Nachzugsrechte für Familienangehörige. In den vergangenen zwölf Jahren mussten europäische Grenzschutzbeamte, in manchen Ländern unterstützt von den Streitkräften, einsehen, dass es unmöglich ist, demokratisch verfasste, auf freien Handel angewiesene Staaten so abzuriegeln, wie es einst der Ostblock vermochte. Trotz ständiger Verstärkung der Grenzschutztruppen, trotz des Einsatzes modernster Techniken wie mobiler Radaranlagen und Nachtsichtgeräten, trotz Schusswaffengebrauchs und wilder Verfolgungsjagden mit Toten auf beiden Seiten, wächst die Zahl derer, die Schlupflöcher finden, beständig an.

Griechenland hat 9984 Inseln. Es grenzt an solch schwierige Staaten wie die Türkei, Bulgarien, die ehemals jugoslawische Republik Mazedonien und Albanien, die Flüchtlingsströme selbst erzeugen oder zumindest begünstigen. Der Ansturm auf seine Grenzen traf Griechenland völlig unvorbereitet. Seit dem Ende des Kommunismus sind zwar rund 800 000 Menschen auf Schleichpfaden ins Land gekommen. Die meisten waren Albaner. Doch sie wurden halbwegs integriert, als billige Arbeitskräfte. Viele von ihnen - 300 000 im Jahre 1998 und 350 000 in diesem Jahr - bekamen inzwischen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Ihr Status wurde legalisiert, zumindest auf dem Papier; der Gang durch die Behörden bleibt immer noch ein oft unüberwindbares Hindernis.

Der Beitritt zur EU brachte den Griechen einen Wohlstand, der es ihnen erlaubt, nicht mehr auswandern zu müssen, sondern selbst Gastarbeiter zu beschäftigen. Der Beitritt zum Vertrag von Schengen brachte etwas anderes: verzweifelte Immigranten aus der ganzen Welt, die, wenn oft auch nur als Zwischenstation, nach Griechenland fliehen, weil dies für sie der Schengen-Staat ist, dessen Grenzen am wenigsten zu schützen sind. Früher kamen an Griechenlands Küsten pro Jahr vielleicht 2000 Flüchtlinge an (wobei nur jene gezählt werden, die sich stellen oder die aufgegriffen werden). In diesem Jahr waren es schon mehr als 6000. Der Anstieg lässt sich nicht mit dem Krieg in Afghanistan erklären. Die Zahl derer, die aus dem Krisengebiet flohen und Westeuropa erreichen, ist verschwindend gering geblieben. Es gibt nur eine Erklärung. George Karipsiades, Berater von Premierminister Simitis, sagt es in Metaphern: "Für die Schiffe mit dem Ziel Nirgendwo ist das Nirgendwo jetzt Griechenland."