Haindl, gegründet 1849 im Königreich Bayern, hielt als Familienbetrieb dem Kaiserreich stand, der Weimarer Republik, der Nazidiktatur, der Bundesrepublik Deutschland - nur der Globalisierung nicht.

Verkauft kurz nach dem 150. Jubiläum, zu dem eine kiloschwere Firmenchronik im Buchhandel erschien . Verkauft, obwohl gerade eine 850 Millionen Mark teure Papiermaschine in Betrieb gegangen ist - die modernste, größte, produktivste und komplizierteste Papiermaschine auf Erden, die täglich eine 2600 Kilometer lange Papierautobahn ausspuckt, einmal Hamburg-Palermo. Verkauft von den 32 Nachfahren des Firmengründers für 7,3 Milliarden Mark.

Hier einmal kurz innehalten: 7,3 Milliarden Mark geteilt durch 32, das macht im Schnitt 228 Millionen für jeden. Die Verkäufer müssen in diesem Leben nicht mehr arbeiten, ihre Kinder und Kindeskinder auch nicht. Da darf man gratulieren, oder?

Die Gratulation käme nicht zu spät; erst Ende November hat die Brüsseler EU-Kommission der Transaktion zugestimmt. Denn der Käufer von Haindl ist UPM-Kymmene, eine weltweit operierende, in Helsinki und New York an der Börse notierte Aktiengesellschaft, die eine marktbeherrschende Position anstrebt und diesem Ziel mit dem Erwerb von Haindl ein Stück näher kommen will. Die europäischen Zeitungsverleger liefen Sturm gegen den Deal; Brüssel hörte sich Anfang Oktober auf einer Veranstaltung mit 100 Leuten beide Seiten an, aber das von den einen erhoffte, von den anderen befürchtete Veto ist ausgeblieben.

Eigentümer und Angestellte weinen

Finnland ist jetzt Thema in Augsburg. Erkenntnisse über Finnland werden ausgetauscht. Als gesichert gilt: 1. Finnisch kann man nicht lernen. 2. In Finnland ist es oft nur vier Stunden hell. 3. Die Finnen expandieren weltweit, weil es zu Hause so ungemütlich ist (ganz anders als zum Beispiel in Augsburg). Zum 1. Dezember 2001 übernehmen die Finnen die Geschäfte bei Haindl, zum 1. Januar 2002 soll die Firma in die Konzernstruktur integriert sein.

Hier noch einmal kurz innehalten: Wen interessiert der Verkauf einer Augsburger Papierfabrik? Papier ist eine ziemlich trockene Angelegenheit ... Aber dann hört man von Betriebsversammlungen, auf denen Eigentümer und Angestellte weinen, und liest von einem Novum in der deutschen Industriegeschichte: dass die Familie Haindl ein Prozent der Verkaufssumme, 73 Millionen Mark, an ihre 3800 Mitarbeiter auszahlt, was für manchen eine reichlich fünfstellige Summe bedeutet. Und man staunt, wie hinter den Kulissen Großindustrielle auf die Haindls schimpfen, sie würden die Sphären von Kapital und Arbeit verwischen, einen Präzedenzfall schaffen, Begehrlichkeiten wecken. Und man staunt noch mehr, weil die Mitarbeiter in aller Offenheit erklären, sie würden auf dieses Geld gern verzichten, wenn die Firma weiterhin Haindl hieße und den Haindls gehörte ...