Was heißt eigentlich Innere Sicherheit in den Zeiten des internationalen Terrorismus? Wie hat der 11. September das Denken im Bundeskriminalamt und im Bundesamt für Verfassungsschutz verändert? Ein journalistischer Marsch durch die Institutionen zeigt, dass sie sich neu orientieren, sowohl was die grundsätzlichen Vorstellungen von Innerer Sicherheit betrifft als auch, welche Folgen daraus zu ziehen sind. Der Marsch zeigt außerdem, dass - trotz aller Hektik der Politik - die kriminalistische Arbeit noch in den Anfängen steckt. Vieles von dem, was bisher über die Anschläge von New York und Washington als gesichert erscheint, bewegt sich noch im Bereich des Verdachts und der mehr oder weniger plausiblen Vermutungen.

Um herauszufinden, was an der Inneren Sicherheit seit dem 11. September neu ist, lohnt sich ein Zeitsprung in die Vergangenheit: Es ist mitten im Deutschen Herbst 1977, und wir befinden uns in einem Gespräch mit Horst Herold, dem damaligen Präsidenten des Bundeskriminalamtes. Unter vier Augen sagt er: "Mit den Terroristen der Roten Armee Fraktion kann ich als Kriminalist umgehen. Die wollen etwas von uns, auch wenn sie uns erpressen - also müssen sie mit uns kommunizieren. Das kostet Zeit, führt zu Kontakten und Spuren. Sie kommen außerdem, so verblendet sie sind, aus der Mitte unserer Gesellschaft - also kann man ihre hochideologisierten Texte entziffern, nachbuchstabieren und einordnen. Aber wovor ich richtig Angst hätte, das wären Terroristen, die nach dem Muster hit and run - zuschlagen und verschwinden - aus der Tarnung auftauchen, ihr Opfer erschießen und dann in der Maske ihres bürgerlichen Berufes wieder verschwinden. Keine Erpresserforderung, kein Bekennerschreiben, nichts - nur nackter, schneller Mord."

Nur zu bald war Herolds Albtraum Wirklichkeit geworden. Schon die Mitglieder der Revolutionären Zellen, die mit der RAF konkurrierten, waren solche "Freizeit-Terroristen": Sie handelten in der Tat nach der Devise hit and run. Und heute? In Israel schon länger, weltweit aber spätestens seit dem 11. September, kennen wir überdies eine - nicht nur für Kriminalisten - noch schlimmere Spielart des Terrorismus: Massenhafter Mord unter Einsatz des eigenen Lebens.

Das eigene Leben als Tatwaffe: Wie verändert diese Erfahrung unsere Vorstellungen von Innerer Sicherheit? Wie prägt es das Denken beim Bundeskriminalamt und beim Verfassungsschutz? Vergleicht man Horst Herolds Momentaufnahme mit der gegenwärtigen Lage, so treten die Unterschiede in aller Klarheit zutage.

Die Terroristen der RAF waren, wenngleich auf komplizierte Weise, Produkte unserer Gesellschaft. Das hatte zunächst zwei Konsequenzen. Erstens: Herkunfts- und Angriffsland dieses Terrorismus waren identisch. Das schloss gewisse, zum Teil bedeutsame Verbindungen zu Terroristen im Ausland zwar nicht aus, aber es handelte sich in der Hauptsache um ein "hausgemachtes" Problem, dessen "Lösung" auch im eigenen Haus zu suchen war. Ein Fall der klassischen inneren Sicherheit, wenngleich, wie die Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine im somalischen Mogadischu zeigt, ein Grenzfall. Zweitens: Weil die RAF-Terroristen aus der Mitte unserer Gesellschaft kamen, wenn auch vom extremen Rande ihres Denkens, konnte man sich als Fahnder in sie hineindenken. Ihre Taten ließen sich also nicht nur interpretieren, sondern auch in etwa antizipieren, man konnte ihnen ein Stück weit vorbeugen - zum Beispiel durch einen wie immer unzureichenden Personenschutz.

Bei den Terroristen des 11. September ist alles anders: Ausgangs- und Angriffsland sind nicht identisch, und es gibt nicht nur ein Herkunftsland der Attentäter. Die Täter wie die Planer der Anschläge kommen nicht nur aus anderen Gesellschaften, sondern aus einem anderen Kulturkreis, dessen Denken uns schon in seinen Grundzügen, erst recht aber in seinen vielfältigen Extremen fremd ist.

Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz - das ist bei allen Gesprächen deutlich herauszuhören - fällt es also viel schwerer, sich einen (kriminalistischen) Reim auf die Taten des 11. September zu machen. Tag und Nacht plagt sie die Frage, was als nächstes kommen könnte. Einer, der in den Diensten hohe Verantwortung trägt, aber aus naheliegenden Gründen nicht namentlich genannt werden möchte, fasst seine Gedanken so zusammen: Die Anschläge in New York und Washington sollten unsere westliche Zivilisation mit ihren eigenen Mitteln an ihren symbolischen Punkten treffen. Müsste man deshalb - um den Tätern beizukommen - nicht fragen, welches unsere besonders verletzlichen Symbole und welches unsere gefährlichsten Mittel sind? Dieser Frage liegt, man wagt es kaum zu sagen, die paradoxe Annahme zugrunde, dass der Angreifer uns anscheinend besser kennt als wir ihn - und dass wir deshalb vor allem in unseren eigenen Kategorien weiterdenken müssten.